Stephan Freigang
Olympia Barcelona (92) Marathon: Bronze
Mehrfacher Deutscher Meister im Marathon
Bestzeit: 2:09:45 Std.
Deutscher Crosslaufmeister 1993 und 1994, Zweiter
1995
Marathon-Gespräch mit Herrn Stephan Freigang
vom
28. September 2004
Dirk Schmidt:
Aus welchem Grund laufen Sie?
Herr Freigang:
Aus dem Grund eigentlich, weil es sich so entwickelt
hat, das könnte ich profan behaupten. Ich bin
ein Kind der DDR Kinder- und Jugendsportschulen
und über diese kürzere Distanz hat man mein Talent
entdeckt. Ich bin dann hier weiter ausgebildet
worden. Im war für Laufe der Zeit dann doch für
die 1500 - 3000m zu langsam und habe dann doch
schon mit 20 Jahren meinen ersten Marathon gewonnen.
Es ist auch unter diesem Leistungsaspekt zu sehen,
der war 2:10:37 Stunden doch eine ganz gute Geschichte
und siehe da, da war doch der Marathon Läufer
Stephan Freigang geboren.
Dirk Schmidt:
Also, aus der Kurzstrecke heraus geboren?
Herr Freigang:
Richtig, richtig, also über diese, was man auch
über das Alter läuft, einfach mal als Idee Marathon
zu probieren und dabei ist es geblieben. Sicherlich
mit dem Hintergrund, mittlerweile seit der Wende,
auch der finanzielle Aspekt. Das heißt ich verdiene
mit dem Laufen mein Geld. Ich verdiene mit dem
was rundherum sich gruppiert, wie Provisionsverträge,
Ausrüstungsverträge etc. Das ist eigentlich im
Prinzip momentan der Antrieb, also um gesund zu
bleiben oder sich zu bewegen. Muss man sich ja
nicht 250 oder 300 Kilometer trainieren halt das
ist ja auch dieser Unterschied. Für mich ein Brot
Erwerb.
Dirk Schmidt:
Worauf muss der Anfänger achten?
Herr Freigang:
Das ist wie mit den anderen Dingen, dass man wirklich
maßvoll beginnt. Viele fangen an zu laufen und
dürften es eigentlich noch gar nicht. Nicht weil
sie es nicht können, laufen kann eigentlich jeder.
Nur das ist eben bei vielen diese Dinge, die ihm
zum Laufen treiben, also der eine möchte Gewicht
verlieren oder er fühlt sich unwohl und hat beim
Arzt gesagt bekommen, dass man Herzinfarkt gefährdet
ist oder wie auch immer. Die Leute, die auch immer
zu viel wollen, jemand der dann doch den sanften
Einstieg möchte, das heißt über das walken, wobei
das jetzt ein bisschen trendy ist, so den Weg
zum Laufen zu finden. Also, nicht sofort mit Macht.
Die Frage eines Ausgangschecks stellt sich nach
wie vor auch bei den Leuten, die ich ein bisschen
betreue, immer die Frage wie sieht das Vorhaben
Ihr Hausarzt. Dass die Leute sich einfach so vorstellen
und auch einen gewissen Bereich halt, den wir
bewegungstechnisch abdecken können, vorgegeben
erstmals bekommen.
Dirk Schmidt:
Wie kann man gezielt nun seinen untrainierten
Körper in Schwung bringen?
Herr Freigang:
Also, eine gute Möglichkeit, die ich auch für
mich im Laufe der Zeit entdeckt habe, ist natürlich
die Frage des Herzfrequenztrainings. Das heißt
durch die Kontrolle der Herzfrequenz bekomme ich
eine gewisse Bewegungsintensität vorgegeben und
wenn ich dort mit den läuferischen Mitteln deutlich
darüber liege nicht in meinem Bereich der jetzt
einmal trainiert werden kann. Ja, dann muss ich
eine Bewegungsform suchen, die nicht so intensiv
ist. Und dann komme ich automatisch zum Radfahren,
Walken oder Schwimmen. Über meinen Freund das
man doch versucht zu wechseln, also ein bisschen
Abwechslung ins Training einzubringen. Einmal
die Woche laufe ich, aber die anderen beiden Male
fahre ich nur Fahrrad oder mache irgendwas anderes.
Also, ich bin nicht der ganz Verfechter, nur Laufen
ist Sport, sondern ich bin der Meinung, mittlerweile,
Hauptsache die Leute bewegen sich. Irgendwann
findet dann jeder zum Laufen, denke ich doch.
Dirk Schmidt:
Was ist das Besondere am Laufen?
Herr Freigang:
Das Besondere finde ich eigentlich persönlich,
diese natürliche Fortbewegungsart. Das ist also
seit der Menschwerdung mitgegeben, dass wir uns
auf 2 Beinen bewegen sollten. Wir brauchen also
keinerlei technische Hilfsmittel wiederum. Also,
jetzt mal von den Schuhen abgesehen. Aber eigentlich
bräuchten wir sonst nichts und laufen können sie
überall, also es ist an nichts gebunden. Nur an
den eigenen Antrieb.
Dirk Schmidt:
Wie viele Kilometer laufen Sie in der Woche?
Herr Freigang:
Also, momentan ein bisschen weniger, weil ich
voraussichtlich eine berufliche Perspektive vorantreiben
will, aber es sind dann schon 150 bis 180 Kilometer
im Schnitt zusammen.
Dirk Schmidt:
Wie überwinden Sie Ihren inneren "Schweinehund"?
Herr Freigang:
Also, es ist erstmals, wie gesagt, dieses Phänomen
wenn ich wirklich dann aus Affektgründen einmal
mal länger als 2 Tage nicht laufen kann, dann
kommt automatisch das Unwohlsein, das mich regelrecht
dazu zwingt, dass ich mir die Schuhe unterschnalle.
Ansonsten habe ich mir eigentlich angewöhnt, einen
gewissen Rhythmus einfach sich selbst dort auf
zu erleben. Dass man wirklich, wenn man einen
Trainingstag angesetzt hat, dass man das wirklich
vormittags absolviert. Ich versuche, das vormittags
zu erledigen, weil nachmittags sich die Dinge
stauen. Wobei ich meinen Leuten rate, wenn man
noch nicht so tief drinsteckt, sich einfach mit
anderen zu verabreden. Das ist ja dann immer wieder
das Gruppenerlebnis durch den Zwang, der dahinter
steht. Das soziale Erlebnis bindet sehr hoch an,
dort in der Gruppe unterwegs zu sein, z. B. mit
der Barmer Ersatzkasse. Wobei es aber manchmal
schon ein bisschen zu schnell ist für den ein
oder anderen, aber das motiviert eben viele.
Dirk Schmidt:
Dann entsteht also eine Gruppendynamik?
Herr Freigang:
Ja, ja das tauscht sich aus. Man lernt neue Leute
kennen. Das Empfinden und das, was im Körper passiert
ist ja bei allen ähnlich, wenn man sich bestätigt
fühlt. Das gibt demjenigen auch neuen Mut und
neue Kraft, dabei und zusammen zubleiben.
Dirk Schmidt:
Was waren Ihre schönsten Erlebnisse beim Laufen?
Herr Freigang:
Die schönsten Erlebnisse waren als ich in Kenia
war. Das Training, das Land, die Leute. Die Lebensumstände
dort, wie wenig viel sein kann oder solche Dinge,
was für uns wichtig ist, was für die Menschen
dort überhaupt keine Rolle spielt. Dann geht es
darum, ob wirklich genug zu essen da ist. Klares
Wasser ist für die Leute das A und O. Das sind
Dinge, über die wir uns keinen Kopf mehr machen,
in Europa, wie gut es uns eigentlich geht. Wie
wenig es wiederum bedarf auch glücklich zu sein!
Das hat mich schwer beeindruckt. Ja, und dann
natürlich das Erlebnis, dort zu laufen, also diese
Talentfülle, die wir ja in Deutschland nicht haben.
Ich habe dort an den kenianischen Crossmeisterschaften
teilgenommen, dort waren über 300 Läufer am Start.
Im Vergleich zu einer Deutschen Crossmeisterschaft,
was so ein ähnlicher Wettbewerb wäre, wenn sie
mit 50 Leuten unterwegs sind, dann ist das schon
viel. Da sieht man mal die Verhältnisse. Es ist
für viele die einzige Möglichkeit, einen gewissen
sozialen Status zu erlaufen. Mehr Chancen bietet
ihnen das Leben dort unten nicht, und der ist
in Europa natürlich ganz anders.
Dirk Schmidt:
Woher kommt dieser große Leistungsunterschied
zwischen den afrikanischen Läufern und den europäischen
Läufern?
Herr Freigang:
Für mein Dafürhalten, ich glaube ich war mehr
als zehnmal dort unten zum Training. Zum einen
ist es diese Masse an Läufern, das Gesetz dieser
großen Zahl, das da doch 2 oder 3 Läufer dabei
sind, die da wirklich besser sind als alle anderen.
Und zum anderen trainieren sie sehr hart. Sie
machen einen Morning run vor dem Frühstück, wenn
die Sonne aufgeht. Sie sind um 6.00 Uhr auf den
Beinen und rennen zuerst mal eine Stunde, dann
wird bescheiden gefrühstückt, dann wird das zweite
mal trainiert und dann am Nachmittag noch mal.
Das müssen Sie mal von 16 jährigen europäischen
Leuten, die denken, die Leistungssport zu betreiben,
verlangen, das funktioniert gar nicht. Weil sie
es einfach nicht mehr gewöhnt sind. Ich bin persönlich
auch anders groß geworden, durch ein strafferes
System. Das ist hier momentan nicht mehr so. Dazu
kommt, dass sich gerade zum Beispiel bei den kenianischen
Läufern nicht viele Möglichkeiten bieten. Dort
spielt nur die Frage auf welche Strecke, es ist
keine Frage welche Disziplin. Viele sind da einfach
barfuss unterwegs.
Das gibt das Klima und die geographische Lage
her, das spielt auch eine spezielle Rolle. Für
mein Dafürhalten ist es einfach der Druck durch
die "Masse" der Läufer sich durchzusetzen. Sie
trainieren immer in einer Gruppe. Diese Gruppendynamik
ist es was uns hier fehlt. Mittlerweile haben
sie auch europäische Betreuer, die zu der Trainingsmethodik
her passen halt. Da wird nicht mehr aufs Blaue
hinaus trainiert, es ist auch vom Belastungsumfang
zwei Nummern höher als es hier ist. Das sind die
Dinge, die eine große Rolle spielen. Wenn man
die meistens Kenianer sieht, sind sie schon von
der Figur her begnadet. Ich habe schon in meinen
Wettkämpfen viele dunkelhäutige Läufer hinter
mir gelassen, die auch schlanker aussahen als
ich. Aber es ist das harte Training, das sie absolvieren,
und das schaffen nicht alle, das ist auch klar.
Dirk Schmidt:
Neben diesen schönen Erlebnissen, gab es auch
Pannen die Sie erlebt haben?
Herr Freigang:
Die WM 1993 in Stuttgart. Als Olympiamedaillengewinner
von Barcelona 1992 und einer der Favoriten dieses
Rennens, und dann noch in Stuttgart bei der WM
bin ich bei Kilometer 27 ausgeschieden.
Und dabei war ich im Vorfeld von meinen Leistungswerten
bedeutend besser als ein Jahr vorher. Ich war
an diesem Tag nicht fit. Die Vorbereitung war
optimal, gute Voraussetzungen mir antrainiert,
aber ich konnte es nicht umsetzen, vor heimischem
Publikum so sang und klanglos unterzugehen, das
war für mich eines der prägensten negativen Erlebnisse
aus meiner Läuferkarriere.
Dirk Schmidt:
Wie wichtig sind Ziele für Sie für's Laufen? Arbeiten
Sie mit Zielen?
Herr Freigang:
Ja, mit Sicherheit. Es geht ja nicht nur im sportlichen
Sinne um Ziele, sondern auch in der Arbeitswelt.
Zielorientiertes Handeln kann an sich nicht falsch
sein. Nur ist eben das eine, das was man sich
vornimmt, und das andere sind die Möglichkeiten,
die ich habe, dies umzusetzen.
Wenn das Wetter schlecht ist, Regen oder es schneit,
dann ist es natürlich schwierig bestimmte Umfänge
oder Zeiten zu erreichen, da müsste man den Plan
auch anpassen. Ich habe ein bestimmtes Ziel für
meine Saison. Ich weiß wie schnell ich dort rennen
möchte. Es muss ein erreichbares Ziel sein und
keine Fiktion. Klar würde ich gerne mal 2.06 Stunden
laufen, aber ich denke das wäre jetzt mal sehr
unrealistisch. Und anhand dieses Zieles weiß ich,
was für eine Geschwindigkeit das ist, und über
diese Geschwindigkeit kann ich eben diese Parameter
mir zusammen basteln. Dann gliedert sich eine
Vorbereitung in bestimmte Phasen und dann versucht
man, das umzusetzen bis ins Detail. Ausgehend
von diesem großen Ziel wird das eben runtergebrochen
bis auf diesen Tagesplan. Diesen gilt es dann,
abzuarbeiten.
Dirk Schmidt:
Welchen Effekt hat das Laufen auf Ihren Geist
und Körper, gibt es da einen Zusammenhang?
Herr Freigang:
Das würde ich schon sagen. Was bei mir schon oft
vorgekommen ist, ich habe das auch in der Literatur
bestätigt bekommen, dass Sie beim Laufen, wenn
Sie ein moderates Training absolvieren, nicht
mehr über jeden Schritt nachdenken. Das ist dann
ein Automatismus, der da abläuft und da schweifen
die Gedanken schon mal ab. Also da haben Sie die
Möglichkeit über Probleme nachzudenken und manchmal
sind auch erstaunliche Lösungen zu finden, die
ohne Bewegung oder Training Ihnen so gar nicht
in den Sinn gekommen wären. Das heißt, dass ich
das Gefühl habe, das Laufen den Geist gewissermaßen
beflügelt, zumindest ab und an.
Dieses Freilaufen, so nenne ich das, den Stress
abzubauen, das ist ja alles nachgewiesen, dass
das durch Bewegung passiert. Das ist jetzt nicht
eine Erfindung von mir. Ich habe das persönlich
an mir selbst schon erfahren und das war eine
ziemlich angenehme Geschichte. Ich nutze das auch,
wenn man das weiß, dann kann man sich auch bestimmte
Dinge zurechtlegen. Ich muss heute 20 Kilometer
rennen, da habe ich Zeit, über die Sache nachzudenken.
Da kann man die bessere Lösung unterwegs finden.
Also nicht dem Problem davonrennen, sondern zum
Problem hinlaufen! Oder wie soll ich das beschreiben.
Ich rede ja hier von Sachen, wo Sie ihren Körper
einfach mal laufen lassen, wo Sie sich wohlfühlen,
und da gibt es die Möglichkeit, dass die Gedanken
mal abschweifen und dann kommt man zu ganz interessanten
Sachen.
Dirk Schmidt:
Wie viele Tage die Woche laufen Sie?
Herr Freigang:
Jeden Tag, ich mache nie eine Pause.
Dirk Schmidt:
Haben Sie Vorbilder?
Herr Freigang:
Hatte ich mal ursprünglich, eigentlich nicht mehr.
Ich hatte mir bei allen möglichen Läufern das
Ein oder Andere angesehen, und gedacht, wenn du
das auch könntest, dann wäre das toll. Das Gro,
das stilistisch sauber läuft, das ist bei mir
nicht so unbedingt. Oder Werner Günther, der ein
Repertoire von 800 bis 10000 Metern hat, der überall
weltspitze war, zum selben Zeitpunkt. Emile Zatopek
der 3 mal Gold bei Olympia gewonnen hatte. Das
hätte ich auch gerne. Ich kann mich selbst nicht
so bauen, ich muss damit leben, wie ich bin. Man
soll ja auch grundsätzlich an seinen Stärken arbeiten
und nicht an seinen Schwächen.
Dirk Schmidt:
Ohne was könnten Sie nicht leben?
Herr Freigang:
Wenn es den Sport als solches nicht mehr geben
würde, ob ich dann nicht mehr leben könnte, weiß
ich nicht. Das wäre aber eine Situation, mit der
ich mich persönlich nicht anfreunden möchte. Ich
finde es immer gut, wenn Leute von unterschiedlichen
Kontinenten gegenüber im Wettstreit stehen und
wenn es dann auch fair und sauber abläuft, dann
ist das auch in Ordnung.
Auf ein Fernsehen und ein Auto kann ich verzichten,
auf die materiellen Dinge. Auf der anderen Seite
muss ich auch mobil sein, ich muss zu meinen Wettkämpfen
hinkommen können. Unsere Gesellschaft ist ja auf
Mobilität aufgebaut.
Was mir ein wenig leid tut ist, dass dieses materielle
Denken immer mehr in den Vordergrund rückt. Das
hat mir in Kenia gut gefallen. Da spielt es eigentlich
keine Rolle, man teilt auch untereinander das
letzte Hemd. Das ist in unserer Gesellschaft ein
bisschen Abhanden gekommen.
Dirk Schmidt:
Mit wem möchten Sie gerne einmal eine Stunde im
Fahrstuhl eingeklemmt sein?
Herr Freigang:
Es gibt viele interessante Persönlichkeiten aus
der Geschichte heraus. Ich denke nicht sofort
an eine Frau, das möchte ich mal klarstellen.
Dirk Schmidt:
Es gibt auch interessante Frauen in der Geschichte?
Herr Freigang:
Ja, das ist richtig. Mich interessiert die Vergangenheit.
Wenn es denn mal einen James T. Kirk geben könnte,
mit dem zusammen halt mal, wie es in 100 Jahren
aussieht. Aber selbst mit Cäsar, mit dem würde
ich gerne mal. Wenn da jemand wäre, der ein Zeitzeuge
sein könnte, und sich mit dem mal 1 Stunde unterhalten
können, das wäre schon interessant.
Dirk Schmidt:
Wie motivieren Sie sich selbst?
Herr Freigang:
Zum einem aus diesem gewissen Zwang heraus und
zum anderen muss ich ja aus zweierlei Gründen
laufen. Was soll ich machen?
Weil ich mich dann besser fühle. Weil ich für
mich persönlich ein Programm und ein Ziel habe,
ein Tagesziel, ein Wochenziel, wie auch immer,
und weil ich meine Familie damit halt ernähre.
Das sind ja so gewisse Zwänge, die ich habe, die
ich aber als angenehm empfinde. Ich bin aber auch
gerne bei den großen wie zum Beispiel bei den
Krankenkassen, wo ich mit Leuten zusammen bin,
die dass für sich nicht so verinnerlicht haben.
Diese Brücke zu bauen ist für mich das Schönste.
Am Ende eines Kurses, wenn die dann sagen: "…ich
lauf weiter, ich mach weiter, wir treffen uns
wieder." Das ist dann wieder, wo ich sage :"Da
hat man wieder jemanden zu seinem Glück gezwungen,
in indirekter Weise!" Das finde ich dann schon
sehr aufbauend.
Dirk Schmidt:
Sie geben dann den Menschen auch etwas?
Herr Freigang:
Ja, ich gebe ihnen was, und ich nehme auch etwas.
Ich laufe ja weiter dadurch. Ich habe ja mal eine
zeitlang in meinem Heimatort in einem Hotel gearbeitet.
Im Managerbereich, und war dann auch für die Sportsachen
verantwortlich. Ich bin dann auch mit Gästen immer
wieder gelaufen. Damals habe ich auch nicht mehr
so viel trainieren können. Und da war schon der
ein oder andere, der mich gefordert hat. Mit meiner
Erfahrung und meiner Ortskenntnis konnte ich das
dann immer noch zu meinen Gunsten entscheiden.
Aber da waren schon Momente, wo ich dachte: "…du
musst wieder mehr trainieren das kannst du dir
nicht erlauben, das da jemand schneller läuft
als du!" In einer Zeit, wo der Leistungssport
nicht mehr diesen Stellenwert bei mir hatte. Danach
habe ich ja wieder begonnen und versucht, diese
Qualifizierung für die Olympiade zu erzielen.
Wenn es naturgemäß nicht mehr so ist, dass der
Sport die Hauptrolle spielt, dann möchte ich mir
ein gewisses Leistungsniveau schon erhalten. Meine
Lebensgefährtin ist ja auch Läuferin gewesen und
das wäre für mich das Grausamste, wenn mich mal
eine Frau überholen würde beim Marathon. Mittlerweile
müssen sie ja sehr gut vorbereitet sein, wenn
Sie Berlin gesehen haben, da lief eine Frau 2.19
Stunden, ich bin auch schon einmal 2.24 Stunden
gelaufen.
Dirk Schmidt:
Was ist noch ein großer Wunsch oder Traum in Ihrem
Leben?
Herr Freigang:
Ja, den hatte ich. Momentan wollte ich für mich
persönlich in Athen dabei sein. 2.14 Stunden,
die dieses Jahr zu Buche stehen, ist national
gesehen nicht schlecht, aber international 2.
oder 3. Klassig. Ich war zwar schon mal schneller,
aber da war ich auch 25 Jahre, und jetzt bin ich
37 Jahre alt. Ich sag mal: "…das ist nicht so
schlecht, in dem Alter so schnell zu rennen, aber
es reicht auch für ganz vorne nicht mehr!" Das
wäre mein Traum gewesen, mit dabei zu sein und
vielleicht dann doch aufgrund der Hitzebedingungen
und einer guten Vorbereitung vielleicht dann doch
unter den ersten 20 zu sein. Was sicherlich möglich
gewesen wäre. Für mich selbst auch diesen inneren
Frieden zu finden. Weil der Start meiner internationalen
Karriere im Prinzip 1986 in Athen war. Dort waren
die ersten Juniorenweltmeisterschaften damals,
und ich war 2 mal 4. über 20 Kilometer, und über
10000 Meter. Dann wieder dort hinzu kommen, das
hat man mir nicht gönnen wollen im DLV, wie auch
immer.
Dirk Schmidt:
Ich glaube Sie haben die Qualifikation um 2 Minuten
verpasst?
Herr Freigang:
Ja. Gut, man muss auch immer den Zusammenhang
sehen. Es war eine Norm gewesen von 2.12.30 Stunden,
die im September 2003 dann noch mal angehoben
wurde auf diese 2.11 Stunden. Für alle, die sich
da etwas ausgerechnet haben, war das auch ein
Schock gewesen. Carsten Eich hat es auch ziemlich
mitgenommen. Wir haben es probiert, es hat nicht
gereicht, aber für mich persönlich war es halt
schade. Ich hatte es mir innerlich schon ein bisschen
ausgemalt dort hin zurückzukommen und zu laufen,
und für mich den inneren Frieden einfach zu finden.
Ich hätte dann für mich einen Abschluss gefunden.
Jetzt sitze ich wieder hier und überlege was als
Nächstes kommt. Dass das immer nur Jahre weise
geht ist auch klar. Wenn man heute mit 2.14 Stunden
Deutscher Meister wird, dann wären Sie vor 20
oder 30 Jahren noch 5 oder 6 gewesen bei solchen
Meisterschaften. Es macht die Situation momentan
auch möglich, dass man sich mit solchen Dingen
beschäftigen kann. Ich will nicht sagen, dass
diese 2.14 Stunden mein Anspruch sind, aber ich
bin mittlerweile 37 Jahre alt und ich habe schon
20 Jahre Leistungssport hinter mir. Für mich ist
das halt was möglich ist, vielleicht auch 2 Minuten
weniger, aber mehr wird nicht mehr gehen. Das
ist mir vollkommen klar. Aber es gibt niemanden,
außer Carsten Eich, der das rennen könnte.
Dirk Schmidt:
Es ist sehr dünn da oben im Moment?
Herr Freigang:
JA, es kann mir niemand erzählen es gäbe nicht
mehr Talente wie früher. Nur ist einfach das Sichtungssystem
so wie ich es kennen lernte gab es in den alten
Bundesländern nicht, und man hätte es übernehmen
können, so ist es ja völlig zusammengebrochen.
Also die Leute, die wir hier sehen, die sich vielleicht
für den Laufsport interessieren, das sind in meinen
Augen alles Zufallsprodukte. Da wird also nicht
mehr systematisch gesiebt, sondern der da wohnt
und den der da kennt und dann gehen die mal da
hin. Dann sieht den jemanden, der ein bisschen
Ahnung hat und dann ist er eben beim Laufen. Also
über den Schulsport funktioniert so etwas überhaupt
nicht mehr. Das ist eben ein wenig schade und
ich denke einmal, dass hat sich angedeutet in
diesem Jahr. Den Spiegel vorgehalten bekommen
wir bestimmt in 4 Jahren, dass wir da wirklich
nicht mehr in der 1. Liga mitspielen können. Ja,
ich will das nicht für alle Sportarten formulieren,
weiß Gott nicht, da fehlt mir der Einblick, aber
für die Leichtathletik wage ich das mal zu behaupten.
Dirk Schmidt:
Wie viele Marathons sind Sie in Ihrem Leben schon
gelaufen?
Herr Freigang:
Es müssten so um die 28 sein. Ich habe mich auf
mehrere vorbereitet und bin dann vorher ausgestiegen.
Ich bin da immer noch mit mir im Zwiespalt, zähl
ich die nun mit, oder nicht? Also ich denk die
28 ist schon eine gute Zahl.
Dirk Schmidt:
Was wollten Sie schon immer mal Gerhard Schröder
fragen, wenn Sie ihn treffen?
Herr Freigang:
Mit Politikern habe ich es momentan nicht so.
Da ich hier mit Kommunalpolitikern im Vorfeld
von Wahlen meine Erfahrungen machte. Die haben
sich sehen lassen und gratuliert. Damals sind
wir Deutsche Mannschaftsmeister im Halbmarathon
geworden. Ich auch Einzel Deutscher Meister, da
waren sie zu dieser Ehrungsveranstaltung im Verein,
ein schönes Foto und dann hat man sie nie mehr
gesehen. Das kommt halt immer wieder hoch. Es
gibt aber auch Politiker, die sich bemühen Dinge
zu bewegen, das hat man ja immer wieder. Wenn
Sie mal in den Bundestag reinschauen und die Politiker
da die Zeitung lesen während der Arbeitszeit,
das kann ein normaler Arbeitnehmer nicht bringen.
Der macht das nur einmal. Aber manche Politiker
schaffen es nicht einmal zu irgendwelchen Sitzungen,
wo sie hin müssten. Ich wüsste nicht was ich Herrn
Schröder fragen sollte!
Dirk Schmidt:
Gibt es ein Lebensmotto, nach dem Sie leben?
Herr Freigang:
Nein, nicht unbedingt. Ich würde mich mal als
einen optimistischen Menschen einschätzen. Wobei
es ist immer schwierig sich selbst einzuschätzen,
oder wie einem die Umwelt sieht. Ich lebe jetzt
nicht danach, dass morgen der letzte Tag wäre,
aber mittlerweile versucht man die Dinge auch
zu organisieren. Das man auch schon mal Dinge,
die man früher vielleicht nicht gemacht hätte,
versucht jetzt wahrzunehmen. Das man versucht
die Möglichkeit zu finden mit der Tochter mal
nach Paris zu fahren. Wenn dann früher der Sport
die Hauptrolle gespielt hat, wenn dann der oder
der Wettkampf war und ich auf viele Dinge verzichten
musste. Ich versuche suggsessive etwas nachzuholen,
mit dem Zeitraum der Konsequenz die ich für meinen
Sport gelebt habe, 24 Stunden Sport. Sie müssen
wissen, wann Sie schlafen gehen, wann Sie essen,
wann Sie trainieren. Und diese Konsequenz vermisse
ich manchmal bei unseren jungen Leuten. Wie gesagt
jeder ist anders, es gibt auch Talente die weniger
trainieren müssen, wenn sie gut sind, aber das
können mit Sicherheit nicht alle sein. So ist
es, dass ich jetzt schon mal abends laufe, was
ich früher nicht so gerne gemacht habe. Das man
am Tag manchmal Dinge in der Familie wahrnehmen
kann. Etwas lockerer mit dem Ganzen Tagesgeschäft
wie das früher war.
Dirk Schmidt:
Es hat sich etwas verlagert?
Herr Freigang:
Ja, ich sehe das für mich persönlich als, dass
ich meine persönliche Bestzeit, die wollte ich
schon mal knacken. Die Deutsche Bestzeit liegt
bei 2.08 von Jürgen Peters, aber es waren schon
ein paar Dinge, die man sich so ausgemalt hat.
Man kann das eigentlich schaffen, aber man hat
nur 2 mal im Jahr die Möglichkeit, dann muss halt
alles stimmen. Das ist für mich aber nicht mehr
möglich, da versucht man halt was man sich zutraut
noch zu realisieren, und jagt nicht irgendwelchen
Sachen hinterher.
Dirk Schmidt:
Wie oft waren Sie Deutscher Meister beim Marathon?
Herr Freigang:
Ich glaube 3 mal. Man hat ja erst vor 3 oder 4
Jahren in Form eines Citymarathons, das Thema
zu integrieren versuchen. Wobei Geld verdienen
für mich wichtiger ist als der Meistertitel, davon
kann ich mich ernähren und damit war es unternehmerisch
eigentlich Quatsch bei irgendeinem Wald- und Wiesenmarathon
mitzulaufen, weil dort die Deutsche Meisterschaft
ist und dafür Berlin oder Boston auszusetzen.
Das war dann doch entscheidender und in Abhängigkeit
von den Ausrüstern, denen ist es auch wichtiger,
dass man bei den großen Sachen vorne mit dabei
ist, als Deutscher Meister, denke ich. Deshalb
verkaufen die keine 5 Paar Schuhe mehr. Ja, wir
sind als Athlet sind auch Teil eines Konzeptes.
Die Firmen versprechen sich davon ja auch etwas.
Als Werbeträger gibt es auch gewisse Vorgaben,
die da gebracht werden müssen. Das sind bestimmte
Läufe die im Vordergrund stehen und nicht die
Deutschen Meisterschaften. Die werden auch prämiert
und man erkennt das an, das möchte ich auch nicht
in Frage stellen, aber für mich als Athlet ist
es dann schon interessanter in Berlin vorne mit
dabei zu sein, als beim Hannover Marathon dieses
Jahr Deutscher Meister zu werden.
Dirk Schmidt:
Wer ist der wichtigste Mensch in Ihrem Leben?
Herr Freigang:
Karl Marx….war ein Spaß. Da möchte ich keinen
herausheben. Da muss ich sagen mein intaktes Elternhaus,
da habe ich eine ziemlich starke Bindung, mein
Bruder, meine Familie, passt da alles. Wenn die
da rausgerissen würden, wäre es was wichtiges,
was fehlt. Meine Mutter war vor kurzem mal im
Krankenhaus mit einem gewissen Verdacht und der
hat sich zum Glück nicht bestätigt. Aber das war
so ein Moment, wo man dann schon mal denkt, sie
ist nicht mehr die Jüngste. Das ist dann schon
ganz schwierig. Ich möchte da niemanden herausziehen
wollen. Meine Freunde sind mir genauso wichtig,
wenn da etwas passieren sollte, würde ich genauso
Anteil nehmen. Das würde ich nicht von einem abhängig
machen, das ist für mich eine Gesamtkonstruktion,
die so steht. Und wenn eine Wand fehlt in diesem
Haus, dann fängt es natürlich an zu wackeln.