Interview mit Jürgen Roters

Jürgen Roters, geboren 15. Januar 1949 in Coesfeld, ist ein deutscher Jurist, Verwaltungsbeamter, ehem. Regierungspräsident des Regierungsbezirks Köln, Sportfunktionär und seit dem 21. Oktober 2009 Oberbürgermeister der Stadt Köln.

Er ist seit 1967 Mitglied der SPD, verheiratet und hat drei Kinder. In den 1960er Jahren war Roters Deutscher Jugendmeister in Wald- und Crosslauf, über 3000 m und 1500 m. Er nahm 1973 als Leichthatlet an der Universiade in Moskau und am Länderkampf Deutschland – USA in München teil. Seit 1990 hat er 25 Marathonläufe im In- und Ausland bestritten.

Aus welchem Grund Laufen Sie?
Für mich ist Laufen ein Stück Lebenselixier. Ich betreibe dieses Dauerlaufen schon seit über 40 Jahren. Ich bin schon sehr früh zur Leichtathletik und zum Laufen gekommen. Die Möglichkeit, etwas für seine Gesundheit zu tun und den Kontakt zur Natur zu halten, das ist etwas Wunderbares.

Wie sind Sie zum Marathon laufen gekommen?
Ich habe früher Leistungssport betrieben. Ich war Mittelstreckenläufer, habe aber studienbedingt damit aufgehört. Dann habe ich mir gedacht: „…was kannste noch machen außer 1500 Meter zu laufen?“ Ich habe mich dann mal auf die ganz lange Strecke gemacht, ohne jedoch Ambitionen zu haben, übermäßige Leistungsanforderungen zu stellen.

Worauf sollte der Anfänger achten?
Sich sehr gut vorzubereiten, das ist das A und O, und sich gesundheitlich einmal durchchecken zu lassen. Zu Anfang sich nicht zu viel vorzunehmen und einfach in sich hinein zu horchen, bin ich ein begnadeter Läufer, oder fällt es mit dem Laufen eh ein bisschen schwer. Dann muss ich mich auch darauf einstellen was die Zeiten anbelangt. Und vor allen Dingen eine einigermaßen disziplinierte Lebensführung. Einigermaßen, man muss nicht allen Dingen des Lebens abschwören.

Wie kann man konkret seinen untrainierten Körper in Schwung bringen?
Indem man sich ein festes Programm vornimmt. Wenn man aus einer Situation heraus noch nicht viel Sport betrieben hat und sich vornimmt, diesen großen Schritt Marathon zu tun, geht es darum, sich selbst langsam an das Laufen heranzuführen; möglichst auch in einer Gruppe. Nicht zu viel auf einmal zu machen, sich spielerisch an das Laufen heranzubringen, kleinere und kürzere Strecken zu laufen, Pausen zu machen und dann, so langsam im Laufe der Wochen, die Strecken und die Intensitäten zu steigern. Man sollte aber nach jedem Lauf ein Gefühl der Entspannung haben, und nicht das Gefühl man sei völlig ausgepumpt.

Wie viele Tage die Woche laufen Sie?
Ich persönlich laufe etwa 5- bis 6-mal die Woche, aber auch unter diesem Gesichtspunkt entspannendes Laufen. Das hängt aber davon  ab wie viel Zeit man gerade hat. Ich laufe jeweils morgens früh zwischen 8 und 12 Kilometer. Das lässt sich für mich persönlich am besten morgens arrangieren. Weil man abends häufig müde ist oder in Terminen und man gewöhnt sich auch an das frühe Aufstehen. Das hätte ich mir vor 10 Jahren nicht vorstellen können, morgens früh um 6.15 Uhr in den Wald zu gehen. Heute ist das ein Stückchen regelmäßige Tagesordnung.

Wie überwinden Sie Ihren „inneren Schweinehund“, wenn Sie keine Motivation finden?
Dann bleibe ich im Bett liegen. Aber, in der Tat ist es ist immer gut, wenn man so ein gewisses Ziel hat, wie ein oder zwei größere Läufe, also auch einen Marathonlauf, im Jahr. Dass führt dazu, dass man schon ein bisschen disziplinierter seine Vorbereitungsläufe macht.  Und dann ist es auch in der Tat so, wenn man mal nicht so gut drauf ist oder das Wetter nicht so gut ist, dass man sich dann trotzdem auf den Weg macht und die Erfahrung zeigt, sobald man in der den freien Natur ist, an der frischen Luft ist, dann ist alle Müdigkeit vergessen und das Schöne dabei ist auch, dass man im Laufe des Jahres mit allen Witterungsbedingungen fertig wird. Es gibt wunderschöne Läufe, bei herrlichem Frühlingssonnenschein. Es gibt tolle Erlebnisse wenn man durch den Schnee läuft. Es gibt auch schöne Läufe wenn man von einem riesigen Regenschauer überrascht wird und sich danach durch und durch durchnässt dann nach Hause durchkämpfen muss. Das sind alles Dinge, die einem die Natur ein bisschen näher bringen.

Gibt es sonst noch besondere Sachen für Sie beim Laufen?
Ich laufe relativ häufig alleine. Es ist für mich eine innere Entspannung. Man läuft sich ein bisschen frei, auch im Kopf. Es kommen dann meist  auch gute Gedanken, wenn man über bestimmte Aufgaben nachdenkt oder Probleme lösen will. Wenn man dann alleine für sich ist, dann führt das Laufen mit dazu,  dass man auch ein bisschen kreativer wird. Wichtig für mich ist einfach auch die Nähe zur Natur.

Was waren Ihre schönsten Erlebnisse beim Laufen?
Was wunderschön ist, dass wenn man es schafft morgens durch den ersten Schnee zu laufen und wenn dann die Sonne aufgeht. Dann hat man im Grunde einen jungfreudigen Schnee, das kommt halt nur gelegentlich vor bei unseren Temperaturen, aber das ist etwas, was fantastisch ist. In meinen Urlaubstagen die Landschaft durch das Dauerlaufen zu erkunden ist das etwas anderes, als wenn man mit dem Auto oder auch mit dem Fahrrad durch die Gegend fährt. Da hatte ich auch schon fantastische Erlebnisse, ob das in Amerika war oder in Italien oder am Mittelmeer. Das sind so bleibende Erinnerungen, die sich auch fest in sich selbst, in sein Gedächtnis einprägen. Eines der schönsten Erlebnisse war es wirklich, als ich einen Lauf durch einen Wald gemacht habe, wobei ich gelegentlich auch ein bisschen Musik mitnehme. Ich hatte dann die 6. Sinfonie von Beethoven die Pastorale, und dann kam der 4. Satz, ein sehr ruhiger und sehr melodiöser Teil, nach einem Gewitter und dann kam dieses fantastische Adergiro und dann kamen Sonnenstrahlen durch den Wald durch, das war wie gemalt. Das sind so Erlebnisse, die man nie vergisst.

Gab es neben diesen vielen schönen Dingen auch Pannen, die Ihnen beim Laufen passiert sind?
Oh ja! Ich bin mal nachts in einen Graben gestürzt, da habe ich gedacht das wäre ein Radweg und wollte von der Straße auf den Radweg springen und habe auch nicht gemerkt, dass dazwischen ein tiefer Graben war und bin ordentlich reingeraten. Worunter Jogger immer zu leiden haben, sind Hunde. Das war nicht so sehr im Stadtpark, wo sie an der Leine sind, aber wenn man im landwirtschaftlichen Bereich läuft, draußen in der Prärie, dann an einem Bauernhof vorbeikommt und dann ein Hund hinter einem herläuft oder auch belagert, das hat dann schon zu Adrenalinstößen geführt.

Das ist ja dann gut für die Laufzeit?
Ja. Ich habe auch schon einmal vor einem Bauernhof gestanden und ein Hund stand vor mir und knurrte mich an und ich konnte keinen Zentimeter weder vor, nach hinten, oder zurück gehen und hatte das Gefühl er beißt jeden Augenblick zu. Dann wurde ich  befreit als ich laut geschrieen habe, durch die Bäuerin, die dem Hund mit dem Stock eine mitgegeben hat.

Wie wichtig sind Ihnen Ziele fürs Laufen?
Nicht unwichtig. Es ist immer gut, wenn man sich so etwas vornimmt, wenn man so ein stilles Ziel auch hat, das realistisch ist. Man darf das nicht überhöhen, aber wenn man sich vornimmt zum Beispiel, eine bestimmte Marathonzeit zu laufen, dann kann man auch in seinen Trainingsphasen darauf hin trainieren und sich zum Ziel setzen, ich möchte gerne unter 4 Stunden oder unter 3.30 Stunden oder unter 3 Stunden es schaffen. Wenn man es dann auch tatsächlich erreicht, ist man da doch auch sehr stolz auf sich selbst.

Haben Sie Ziele beim Laufen?
Mein Ziel beim Marathon ist, anzukommen und gesund zu bleiben; das ist für mich selbstverständlich. Wenn man die ersten 20 Kilometer beim Marathon gelaufen ist und man ist noch ganz gut in der Zeit, und wenn man dann so hochrechnet was man jetzt noch für die zweite Hälfte braucht, dass man dann schon das Ziel hat, diese Zeit dann auch einzuhalten. Das motiviert einen auch, und enttäuscht aber auch, wenn man dann nach 30 Kilometer feststellt, dass man es doch nicht geschafft hat. Dann muss man schon sehen, dass man sich dann wieder neu motiviert.

Wie viele Marathons sind Sie schon gelaufen in Ihrem Leben?
Ich habe jetzt 25 Marathons hinter mir.

Und angekommen?
Ich bin 22 Marathons angekommen.

Welchen Effekt hat das Laufen auf Ihren Geist und Körper?
Für mich persönlich ist es unheimlich gewinnbringend, weil man eine Entspannung erlebt, ein gewisses Maß an Ideenreichtum und Kreativität, die man beim Laufen gewinnt. Es macht auch manchmal Spaß in einer Gruppe zu laufen. Das ist dann auch lustig, da geht die Zeit auch schneller rum. Von daher bringt es mir persönlich, was die Gesunderhaltung angeht, ungemein viel. Wenn man dann auf dem Weg zur Arbeit ist, weil ich ein Morgenläufer bin, dann weiß man, da hast du schon etwas Schönes geschafft. Da kann einem so schnell nichts mehr ärgern von den politischen Problemen, die man manchmal so hat.

Haben Sie Vorbilder?
Also, früher war es so, dass ich im Leistungssport bestimmte Vorbilder hatte. Heutzutage ist das nicht mehr so. Für mich ist es einfach wichtig, dass ich mich persönlich einfach gut fühle, dass meine Gelenke heil bleiben. Ich muss deshalb nicht unbedingt ein Vorbild haben in Person, die selbst auch Hobbyläufer sind. Mir hat imponiert, dass was unser Außenminister absolviert hat. Bei  wirklichem Zeit- und Terminstress, bei den unterschiedlichen Zeitzonen, die zurückzulegen sind, sich da noch auf einen Marathonlauf vorzubereiten. Das ist eine gigantische Leistung gewesen. Wenn man sich vorstellt, dass er nachts noch irgendwo in New York gewesen ist und dann schon wieder nachmittags in Deutschland unterwegs ist zu Veranstaltungen und dazwischen immer noch einen Weg zu finden, um zu Laufen, das ist schon toll.

Was treibt Sie an, 25 Marathons zu laufen?
Also das ist die Spannung, ob man es noch schafft. Es ist die Bestätigung, dass man trotz zunehmendem Alter noch bestimmte Leistungen erbringen kann. Es erhöht das Sozialprestige den eigenen Mitarbeitern gegenüber, wenn man sagen kann: „Leute, ich habe es geschafft!“ Und ansonsten ist es mehr einfach das Dabei sein und die Freude mitzubekommen, wenn so viele Zuschauer am Straßenrand stehen und einen anfeuern. Wenn man in Köln läuft, spürt man schon, dass die Menschen sich freuen, wenn sie einen sehen und wenn es dann heißt: „Da ist unser Regierungspräsident“ dann ist es immer ein Zeichen von einer gewissen Wertschätzung.

Wie motivieren Sie sich dazu?
Im Prinzip ist es ein Stückchen meines täglichen Lebens und ich muss mich nicht immer neu motivieren, sondern es gehört einfach zu bestimmten Abläufen, so wie der eine sich morgens auf sein Fahrrad schwingt, auf sein Heimtrainer oder schwimmen geht, so ist es bei mir das Laufen. Es ist auch ohne allzu großen Zeitaufwand möglich und dann genieße ich es. Da ich in der Nähe eines Sees wohne, kann ich das morgendliche Schwimmen mit dem Laufen noch verbinden.

Gibt es ein Lebensmotto, nach dem Sie leben?
Gesundheit, vital sein, Freude vermitteln, Menschen ernst nehmen! Das hat alles auch mit sportlichem Wettkampf und Aktivität zu tun.

Da gibt es sehr viele Parallelen?
Ja, doch. Was Fairness anbelangt und natürlich auch den Kampf, wenn man mit sich selbst oder im Leistungssport auch mit anderen sich durchzusetzen ohne dass man Spielregeln dabei verletzt. Das sind Dinge, die maßgeblich sein sollen auch für sein berufliches Leben, dass  spiegelt sich aber nicht selten anders ab. Dass man die Fairness, die man im Sport an sich erwarten sollte, nicht so häufig vorfindet. Intrigen gibt es da doch jede Menge.

Was ist noch ein großer Wunsch oder Traum in Ihrem Leben?
Ich würde gerne einmal einen Wüstenmarathon absolvieren. Ich persönlich laufe relativ gerne in wärmeren Gefilden auch bei Hitze, wenn es sich nicht um eine schwüle Atmosphäre und Temperaturen handelt. Bei trockener Hitze kann es mir gar nicht heiß genug sein. Ich habe mal einen 15 Kilometer Lauf in Arizona in einer Trockenwüste gemacht und würde gerne einmal bei einem Lauf in Ägypten, Sinai, oder in der Negev Wüste mitmachen.

Und das tun Sie auch noch?
Ja, das habe ich mir vorgenommen, wenn ich mal etwas Muse habe, mich darauf vorzubereiten.

Sie fahren mit dem Fahrstuhl, und der bleibt stecken, wen hätten Sie gerne dabei?
Das ist eine schöne Frage. Also da ich Frauen verehre, gibt es andere Situationen wie diese. Es könnte jemand sein, mit dem ich Erinnerungen aus der sportlichen Vergangenheit austauschen kann. Da würde die Zeit schnell umgehen.

Denken Sie da an eine ganz bestimmte Person?
Nein, jetzt ganz konkret nicht, aber mit jemandem, mit dem man mal früher Leistungssport gemacht hat und mit dem man Wettkämpfe bestritten hat. Das wäre etwas, was ich mir vorstellen könnte.

Ohne was können Sie nicht glücklich sein?
Ohne das Dauerlaufen, im Augenblick auch noch die Herausforderung des Berufes, das ist auch ein Stückchen Motivation und Lebenszufriedenheit und die Zuneigung der Familie.

Wer ist der wichtigste Mensch in Ihrem Leben?
Meine Frau und meine Kinder sind für mich die wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Vielen Dank für das Interview!

 

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