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Interview mit Herbert Steffny

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Herbert Steffny (* 5. September 1953 in Trier) ist Diplom-Biologe, ein ehemaliger deutscher Langstreckenläufer und prominenter Lauftrainer sowie Geschäftsführer der Run Fit Fun GmbH, Titisee im Südschwarzwald.
Seit 1989 gibt er Lauf- und Ausdauerfitness-Seminare, Manager-Fitness-Seminare, Fitnessvorträge, Personal-Training (u.a. Marathontrainer von Joschka Fischer), ist Laufexperte für Krankenkassen, Sportjournalist und TV-Kommentator bei den großen deutschen City Marathons in Berlin, Köln, Frankfurt und Mainz. Er leitete bereits 1994, als Walking noch kaum denkbar war, die Redaktion der Zeitschrift „Walking & Running“ und veröffentlichte dort die ersten Zeitschriftenartikel über Walking in Deutschland. Nordic Walking, bot er noch vor dem Boom bereits 1998 als erster in Deutschland in Seminaren an.

Sportliche Erfolge: mit 17 Jahren 1971 Deutscher Jugendhallenrekord (8:39,8) und Westdeutscher Meister im 3000m Lauf in Dortmund, Deutscher Jugend Vizemeister im Crosslauf Langstrecke,
Mit über 30 Jahren: 13facher Deutscher Meister über 10000m, 25km, Marathon, Berg- und Crosslauf, Bronzemedaillengewinner Europameisterschaft 1986 Stuttgart im Marathonlauf, Marathon Weltcup-, EM-, WM- und Olympiateilnehmer, 3. Platz New York City Marathon 1984 (bisher beste deutsche Platzierung im Männerfeld), dreifacher Frankfurt Marathon Sieger 1985, 1989, 1991, München Marathon Sieger 1989 mit Streckenrekord (2:11:30), Sieger Pittsburgh Marathon USA 1991, Deutsche Bestleistung über 10 Meilen 1985 Borgholzhausen in 46:33,
Mastersklasse (über 40 Jahre): Sieger beim 100. Jubiläumsmarathon Boston 1996 in der Mastersklasse und beim Minneapolis – St.Paul Marathon mit 2:18:35 mit 42 Jahren, Deutscher Rekord der Mastersklasse im Halbmarathon (1:05:40) mit 42 Jahren, Im Jahr 2000 mit 47 Jahren noch in 1:09:25 Gesamtzweiter beim Malta Halbmarathon und Sieger beim Malta Zurrieq Halbmarathon,
2003: „Come-back“ in der Altersklasse der über 50jährigen: Deutscher Crossmeister in Bad Dürrheim am 8.3.2003, Deutscher Marathonmeister in Duisburg am 1.6.2003, Deutscher Meister 10km Straßenlauf in Troisdorf am 14.9.2003 (in neuer Deutscher Bestleistung 32:31!)

Wie sind Sie zum Marathon laufen gekommen?
Nun, als Mitglied einer laufbegeisterten Familie und als der Jüngste von fünf Geschwistern war natürlich klar, dass der älteste Bruder und auch der Vater gewisse Vorbildfunktionen hatten. Wir haben uns alle am Sport versucht und ironisch gesagt, der Schlechteste in unserer Familie war zumindest Rheinland-Pfalz Meister. Mein ältester Bruder, Manfred war zweifacher Olympiateilnehmer beim Marathonlauf, der zweitälteste war immerhin westdeutscher Marathon-Meister, meine Schwester war im Badminton Rheinland Meisterin und der zweitjüngste Bruder war auch ein sehr guter Läufer hat bloß früher aufgehört und dann war die Reihe an mir. Wenn in der eigenen Familie der Hammer so hoch hängt, dass man Weltklasse werden muß, um die Familienrekorde zu haben, das ist natürlich ein Damoklesschwert. Daran kann man entweder zerbrechen oder es ist eine Herausforderung.

Lag das in den Genen, also Talent, oder ist Ihr Erfolg erarbeitet?
Ich bin mir als Biologe natürlich darüber im Klaren, dass das eine genetische Basis hat, wenn man so zu sagen nur so aus der Hose mal 10 Kilometer in 34 Minuten laufen kann und andere schaffen das nie. Bei uns liegt das mit Sicherheit in der Familie. Auf der anderen Seite muß man natürlich auch die Kopfarbeit und den Trainingsfleiß aufbringen können, um sein Talent wirklich zu entfalten. Da hatte ich eher ein Problem. Als ich damals von der Jugendklasse zu den Männern / Junioren kam, konnte ich den Faden noch nicht richtig finden. Ich hab von meiner inneren Einstellung eher vom Talent gelebt und hatte noch nicht so ganz die Arbeitsmoral. Ich habe dann mein Biologie-Studium beendet und bin mit 28 aus reinen Gesundheitsgründen noch mal zum Joggen zurück gekommen. Natürlich hatte man mir latent auch immer untergejubelt, ich hätte mein Talent verschleudert und von daher habe ich beim Wiedereinstieg zunächst auch nicht an irgendwelche Wettkämpfe gedacht. Ich wollte zunächst erst mal Gewicht abbauen, meine Rückenbeschwerden verschwinden lassen und mich einfach wieder gut fühlen, so wie ich mit 18 Jahren drauf war. Lange Rede kurzer Sinn: Ich hab mich damals irgendwie alt gefühlt. Ich stamme aus der Generation, wo man sagte „trau keinem über 30“ und nun war es bald soweit. Ich habe mir dann selbst bewiesen, dass im Prinzip nur die noch vorhandene Rille der verstaubten Schallplatte gesäubert werden müssen. Und zu meiner eigenen Verwunderung war das mit dem Laufen noch lange nicht vorbei. Ich hätte nie gedacht, daß ich in dem Alter noch mal meine Jugendbestleistungen erreichen und übertreffen könnte. Ich kam in Freiburg beim Lauftreff in Kontakt mit Vereinsläufern, die auch Freunde wurden, und die haben mich dann zu einem ersten Wettkampf überredet. Schon der erste Start war gleich sehr erfolgreich und schon im vierten Rennen bin ich nach ca. eineinhalb Jahren Joggingtraining deutscher Studentenmeister über 10.000 m geworden. Das war eine neue Selbsterfahrung!

Sie hatten eine längere Pause von 19 bis 29 Jahren?
Genau! Es gab 10 Jahre Pause. Mein erster Wettkampf war 1983 mit 29 Jahren. Ich bin dann allerdings recht steil nach oben gekommen, weil ich als Jugendlicher schon mal die Grundlagen angelegt hatte. Ich hatte damals sehr viel über Trainingslehre bei meinem ehemaligen Verein TV Germania Trier und natürlich auch von meinen älteren Brüdern erfahren. Ich sagte mir dann einfach, wenn das noch mal was werden soll, dann musst du jetzt hier ganz ernsthaft rann gehen! Mit der Arbeitsmoral eines Erwachsenen konnte ich dann den Faden noch mal neu spinnen.

Und mit Erfolg wie man dann auch gesehen hat…
Das Jahr 1983 war so eine Art Durchgangsjahr, wo ich dann zunächst mal meine alte Leidenschaft Hindernislauf ausprobiert habe und dabei gleich unter die 10 Besten in Deutschland kam. Dann folgte natürlich der familiengemäße Versuch über Marathon und ich bin damals in Echternach in Luxemburg meine Premiere gelaufen. Ich startete mit viel Respekt und sehr konservativ. Ich wollte erst mal gucken, ob das überhaupt so mein Ding ist. Das Rennen habe ich auch für mich überraschend mit einer schnelleren zweiten Hälfte gleich gewonnen. Das gab mir ein sehr positives Gefühl für Marathon und ich kam zum Ergebnis, daß könnte meine Distanz sein. Für das Jahr 1984 habe ich über den Winter ordentlich trainiert, denn mir war klar, dass ich kontinuierlich mehrere Jahre trainieren muß, um den Durchbruch zu schaffen. 1984 bin ich dann mit 2:14:30 bei der deutschen Marathonmeisterschaft in Kandel im Frühjahr die Olympianorm gelaufen. Allerdings haben mich die Funktionäre da nicht ganz ernst genommen, so nach dem Motto: der ist mit 30 Jahren zu alt für die Förderung. Ich hätte keine Zukunftsperspektive, so das alte Lied. Beim Verband war man damals mit Sicherheit nicht ganz auf dem Laufenden, welche Alterstruktur Marathonläufer haben. Und man hat mich dann nicht nach Los Angeles geschickt. Daraufhin gab es für mich nur noch zwei Sachen: aufhören, meine Promotion an der Uni Freiburg in Biologie zu Ende machen oder läuferisch so auf den Tisch zu schlagen, daß er in der Mitte durch kracht. Ich wollte mir von den Funktionären meinen eigenen Weg zu mir selbst nicht versauen lassen und bin dann im Herbst, statt an Olympischen Spielen teilzunehmen, beim New York City Marathon Dritter geworden. Da öffneten sich selbstverständlich alle Türen. Das ist bis heute auch die beste Platzierung eines deutschen Mannes bei diesem Weltklasserennen und das brachte natürlich den Durchbruch mit Werbeverträgen und Anerkennung beim Verband, Medienöffentlichkeit, etc.

Dann wurden Sie auch ernst genommen?

…dann kamen die an mir nicht mehr vorbei, ja. Wenn’s durch die Vordertür nicht klappt, dann eben durch die Hintertür! Ich hatte zwar im Vorfeld alle möglichen anderen guten Leistungen, aber ich denke mal, das geht jetzt zu sehr ins Detail. Endlich durfte ich 1985 beim Weltcup in Hiroshima im Nationaltrikot laufen, wo ich mit 2:11:49 eine ansprechende Zeit nachlieferte und fünf Wochen später habe ich auch noch den Frankfurt Marathon gewonnen. Das war damals der Top Marathon in Deutschland. Nun hatte ich mich sportlich etabliert. Ich stand nur vor der Entscheidung entweder auf die Profikarte Marathon zu setzen oder meine Doktorarbeit an der Uni zu beenden. Ich habe mich damals entschlossen – jetzt oder nie – den Sport auszureizen. Die Unikarriere könnte ich dann auch später vielleicht noch weiter verfolgen.

In wie weit hat Laufen ihr Leben verändert, Herr Steffny?
Nun, ich bin ein Lauftier. Wenn auch nicht süchtig. Ich kann durchaus mal zwei Wochen keinen Strich gelaufen sein, während es sicherlich Läufer gibt, die sagen, wenn sie einen Tag nicht laufen, werden sie hibbelig. Das liegt daran, daß ich in sehr vielen verschiedenen Welten lebe. Laufen gehört zu mir, nicht nur weil ich das Talent dafür habe, sondern weil das auch eine sehr einfache Methode ist, wichtige Gesundheitsparameter, also eine sehr hohe Lebensqualität für sich zu erhalten. Es hat mir immer Spaß gemacht Sport zu treiben. Und heute ist es eher so, daß ich diese Begeisterung, die ich für mich selbst wieder gefunden habe, gerne in Seminaren, Vorträgen, Büchern usw. an Dritte weitergebe. Es muß nicht gleich Marathon sein, sondern zunächst eine gesunde Lebensweise als Grundlage ganzheitlich gut drauf zu sein. Neben dem ganzen Leistungssport bin ich auch mein eigenes Experiment. Selbst wenn ich jetzt in den Altersklassen doch noch Wettkämpfe laufe und mehrfach deutscher Seniorenmeister wurde, ist mein eigentliches Ziel, daß ich mit 85 noch joggen kann. In so fern würde ich dem Sport auch nie meine Gesundheit opfern. Immerhin hatte ich zu meiner besten Zeit auch Knie- und Achillessehnenoperationen.

Sie sind ja neben dem Dipl.-Biologe auch noch Geschäftführer von einem Unternehmen.
Ich habe mich später selbständig gemacht. Wenn Sie Preisgelder verdienen und Werbeverträge haben, dann sind sie ja vorm Finanzamt ohnehin Profi, das heißt man gründet eine Geschäftsform, die alles Mögliche zuläßt, bis hin zur Organisation von Fitnessveranstaltungen. So wird man Geschäftsführer seiner eigenen Herbert Steffny Run Fit Fun GmbH. Die Planstelle war nie vorhanden, ich mußte mir sie selber schaffen. Letztendlich fließt neben dem Sportler heute auch der Biologe ein, denn Trainingslehre, Sportmedizin und Ernährungslehre ist nichts anderes als angewandte Humanbiologie. Da habe ich natürlich den Vorteil, eine solide Ausbildung zu haben.

Was ist die Hauptmessage, die Hauptbotschaft in Ihren Vorträgen, die Sie den Menschen mitgeben?
Mein Firmenmotto: Run Fit Fun – eben Laufen, fit sein und Spaß haben. Man schreibt und referiert ja heute überwiegend für Menschen, die so ein bißchen die Endlichkeit ihrer Fitness festgestellt haben, also unter Übergewicht, vielleicht Herz-Kreislauf-Problemen oder Lebenskrisen leiden. Die Botschaft ist eigentlich sehr einfach und mein eigener Lebensweg zeigt es ja auch: „Wieso schreiben wir uns körperlich eigentlich so früh ab?“ Die Gesundheit wird vernachlässigt, aber es ist nie zu spät wieder einzusteigen. Es ist eigentlich nicht schwer moderat Ausdauersport für das Herz-Kreislaufsystem zu betreiben und dabei abzunehmen. Das hat wenig mit Qual zu tun. Die meisten Menschen haben Ausdauersport beim Schulsport nie kennengelernt.  Wir müssen das erst wieder mühsam auf dem zweiten Bildungsweg lernen. Dafür muß man nur ganz langsam mit Jogging anfangen, statt wie ein Verrückter mit Zunge aus dem Hals und hochrotem Kopf durch die Gegend zu hetzen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Wer sanft einsteigt und das kontinuierlich weiter macht, der wird nach spätestens 3 Monaten zum Läufer geworden sein und das Ganze nicht mehr missen wollen. Er wird das auch nicht als Stress empfinden, sondern genau das Gegenteil feststellen, nämlich das Laufen eine Oase der Entspannung ist, bei der man den Stress abbaut. Plötzlich fühlt man sich nicht mehr alt. Heute mit 53 Jahren fühle ich mich jünger als damals mit 28 Jahren. Da relativiert sich vieles. Es macht mir Spaß Menschen zu motivieren, auf diesen Weg zu schicken und Ihnen dabei zu helfen.

Das ist auch eine Einstellungssache die sich oft im Kopf abspielt?
Das heißt nicht nur etwas schön reden oder eine Rechtfertigung im Sinne von „halbvolles oder halbleeres Glas“, sondern man ist definitiv besser drauf. Ich laufe heute mit über 50 Jahren noch schneller über 10 km als damals mit 28 Jahren.

Gibt es denn eine Grenze, sagen wir wenn jemand Mitte 50 ist, der sagt, ich würde gerne mit dem laufen anfangen. Ist das noch möglich?
Selbstverständlich. Es kann natürlich sein, dass man erst mal zum Arzt muss, über den Gesundheits-TÜV sozusagen. Die Herz-Kreislauf-Funktionen sollten abgecheckt werden, vielleicht gibt es auch orthopädische Bedenken. Allerdings muß man auch nicht gleich mit Laufen beginnen. Wir haben ja heute endlich auch Walking und Nordic-Walking etabliert, also das Bindeglied zwischen Nichtstun und schon laufen können. Und damit ist ein Einstieg viel sanfter möglich. Ich habe beim New York Marathon 1990 mit einem 92 Jährigen Marathonläufer gesprochen, der in 6 Stunden den Marathon geschafft hat. Der mir sagte, das er mit 76 überhaupt erst mit laufen angefangen hatte. Also, es ist genau genommen nie zu spät mit einem sanften Bewegungsprogramm einzusteigen. Marathon ist dabei mit Sicherheit Kür, aber 3 mal die Woche bis zu einer Stunde Ausdauersport zu betreiben ist eher Pflicht.

Das soll dann auch ein Muss sein?
Mutter Natur hat mit dem Naturheilmittel Bewegung für uns eigentlich einen anderen Weg vorgesehen, als nur Krankenkassenbeiträge zu zahlen und irgendwelche Pillen zu schlucken oder eine Fettabsaugung und Magenverkleinerung vornehmen zu lassen. Das kann’s doch nicht sein. Wer Sport moderat betreibt und nicht zu viel und zu schnell auf einmal erwartet, der wird feststellen, dass dieses neue und aktive Lebensprogramm eigentlich einen Riesenspaß macht.

Der hat dann Freude auch am Laufen?
So ist es! Die meisten nehmen sich die Freude, weil sie zu schnell zu viel erwarten, statt den Körper langsam hinein wachsen zu lassen. Dreiviertel aller Freizeitläufer, vor allem die Männer, läuft ohnehin beim normalen Dauerlauf zu schnell. Mit so einem Training wäre ich nie gut geworden.

Ist denn eine Pulsuhr von Nöten, wenn man anfängt zu laufen, oder kann man darauf verzichten?
Es wäre eigentlich auch möglich nach Körpersignalen wie nach der Atmung zu laufen, z.B. wenn man sagt: „Laufen ohne Schnaufen“ oder „Lächeln statt Hecheln“ oder „Reden ist Gold, Schweigen ist Silber“. Einfache Lösungen sind aber für viele Menschen schwer zu akzeptieren. In der heutigen Zeit muß immer so ein High-Tech-Hilfsmittel wie Herzfrequenz- oder auch Laktatmessung beweisen, wo die richtigen Trainingszonen liegen. Aber letztendlich sind diese technischen Hilfsknechte im besten Falle nur dazu da, dieses verloren gegangene Körpergefühl wieder zu erlernen. Zu Beginn ist daher ein einfacher Herzfrequenzmesser sicherlich ein gutes Messinstrument, wenn es richtig und individuell einjustiert wird.

Das hat dann auch viel wie Sie sagen damit zu tun, sich selbst zu finden, in seinen Körper zu hören.
Die meisten haben folgende Ausgangssituation: „Ich bin dick geworden, die Hosen passen nicht mehr, ich geh auf keine Waage mehr, ich schnaufe nur noch die Treppen hoch, ich habe auch schon mal Herzrasen gehabt.“ Dazu kommen berufliche oder private Krisen, irgendwo eine Neuorientierung. Also die klassische Midlife – Krise. Es geht bei den meisten Menschen irgendwo zwischen 30 und 50 los. Marathonläufer sind im Durchschnitt 40 Jahre alt. Nun kommt da ein Lauftrainer und sagt: Beweg dich mal! Dann geht’s dir besser. Zu Beginn wird man sicherlich skeptisch sein, aber beim Lauftreff trifft man nur Leute die gut drauf sind, die einen ebenfalls motivieren. „En passant“ so zu sagen, im Vorbeigehen oder Vorbeilaufen in diesem Falle, wird man feststellen, daß bei richtigem Einstieg, eben genau das Unglaubliche alles passiert: nämlich, daß man abnimmt, daß man leistungsfähiger wird, daß man bei Hitze oder Kälte weniger leidet wie die anderen, daß man beim Laufen nicht Zeit verliert, sondern gewinnt, weil man hinterher noch konzentrierter Arbeiten kann.

Welchen Effekt hat Laufen, wenn ich es in Maßen mache für meinen Geist und meine Seele?
Nun, man ist wie geschildert ganzheitlich besser drauf. Brain, Body and Soul! Nehmen wir ein Beispiel: Ich schaffe es einen kleinen Berg hoch zulaufen und von oben die Aussicht zu genießen. Und wenn ich von oben runter auf die winzig kleinen Häuser sehe, wo ich eben noch war, dann kommt Stolz auf. Andere müssen mit dem Auto hochfahren, zücken den Fotoapparat und zünden sich noch eine Zigarette an. Die haben sich den Berg nicht wirklich verdient! Der Berg gehört eigentlich jetzt nur mir, ich habe ihn mir mit Muskeln und Schweiß erarbeitet!

Jetzt liest man ja schon mal in diversen Büchern auch, daß beim Laufen diese Glücksgefühle Endorphine ausgeschüttet werden, was hat es damit auf sich?
Die körpereigenen Opiate, die Endorphine haben nicht nur so einen Happy-Faktor, sondern auch einen schmerzdämpfenden Effekt und die werden sicherlich individuell in ganz unterschiedlichem Ausmaß und in ganz unterschiedlichen Situationen ausgeschüttet. Mutter Natur belohnt Bewegung und baut diese Glückshormone nicht umsonst bei uns ein. Das hatte ursprünglich den Sinn gehabt, als der Urmensch noch Jäger und Sammler war, bei der Jagd länger durchzuhalten. Das war ja damals nicht sicher, dass man überhaupt ein Wildschwein kriegt.
Wenn wir die Endorphine heutzutage sozusagen als Ersatzhandlung wieder abrufen, dann ist das ein netter Nebeneffekt und nebenbei die billigste Droge. In diesem Sinne bin ich gerne auch Drogendealer, denn Laufen ist nicht nur ein Naturheilmittel, sondern auch aufputschender Happy-Macher, ein Teil der Apotheke der Natur.

Und legitim dazu… und kostenlos
Ja, dieser Kick ist kostenlos und legal. Mutter Natur hatte nicht vorgesehen, daß wir heute unseren Stress und Frust mit Zigaretten und ich sage es mal drastisch: Fressen, Saufen und Drogen kompensieren. Kurzfristig geht’s Dir gut, aber mittelfristig bist Du auf dem Holzweg, auf einer Abwärtsspirale. Raubbau, statt Aufbau! Aber was tun viele Menschen alles, nur um sich nicht bewegen zu müssen.

Kennen Sie denn auch einen inneren Schweinehund, kommt der bei Ihnen auch mal hoch oder sagen Sie: ist mir sehr fern?
Früher, als ich das wirklich auf Weltklasseniveau betrieb, habe ich mich natürlich massiv mit dem rumgeschlagen. Das heißt, man hat es dem inneren Schweinehund immer und immer wieder gezeigt, denn man gewinnt keinen City-Marathon nur durch Training alleine, sondern nur, wenn man im Kopf sehr, sehr stark ist. Konkret habe ich die Herausforderung nahezu gesucht, zum Beispiel: draußen fängt es an zu regnen – jetzt laufe ich erst recht! Oder Tempoläufe nicht mit dem Wind, sondern gegen den Wind. Alles, wovor man irgendwie Angst hatte, eine lange eintönige Gerade, auf der nicht enden wollenden Zielgeraden zum Beispiel, hat man stereotyp eingeübt. Ich habe lange 35 km Läufe auf monotonen 350 m Runden in langweiligen Industriegebieten durchgezogen, nur um dem Kopf zu zeigen, dass das alles noch viel härter geht. Heute bin ich gnädiger mit dem inneren Schweinehund, weil ich das ja alles nicht mehr ganz so ernst nehme. Ich bin ja inzwischen mehr ein Genuß-, Fitness- und Gesundheitsläufer.

Sie sagen, diese Stärke im Kopf das hat ja auch was mit der mentalen Einstellung zu tun, wie wichtig ist die denn fürs Leben oder beim Laufen?
Es gibt im Leben immer einen inneren Schweinehund und einen Flaschenhals bei vielen Dingen. Nicht nur im Sport, sondern auch in beruflichen Fragen, vielleicht auch in Ehekrisen. Irgendwo bei zwei Dritteln droht beim Marathon der gefürchtete „Mann mit dem Hammer“. Geht das Kamel durchs Nadelöhr oder nicht? Das ist nicht nur ein physiologischer Einbruch, die Kräfte schwinden, die Energiespeicher werden leer, sondern oft auch ein mentaler Einbruch. Wer es da schafft, sich zu motivieren, einfach noch mal länger durchzuhalten, noch mal zu kämpfen, ist erfolgreicher. Wie im normalen Leben: Beharrlichkeit führt zum Erfolg, einfach versuchen, den Fuß in der Tür drin zuhalten. Wenn ich im Nachhinein überlege, wie viele Rennen ich gewonnen habe und unterwegs ans Aufgeben gedacht habe und plötzlich lässt der Gegner noch vor mir nach, dann denke ich: gewonnen hat doch letztendlich der, der dem inneren Schweinehund länger Paroli geboten hat. Nicht derjenige, der wirklich besser trainiert war. Da kann diese Sporterfahrung auch fürs normale Leben helfen. Das Leben ist ein Marathon, wer Marathon schafft, kann vielleicht auch alles andere!

Also hat das auch sehr viel mit der Einstellung, wie gehe ich an eine Sache ran, zu tun?
It’s all in your head! Wenn ich überlege, wo im Spitzensport am meisten rauszuholen ist, dann sagen viele Doping! Aber ich glaube, daß die allermeisten Athleten im Kopf noch gar nicht hart genug sind und alles ausgereizt haben. Dabei half mir auch ein Aufenthalt in Kenia, wo ich schon in den 80er Jahren Höhentraining gemacht habe. Man kommt zurück und sagt sich: du lebst wie die Made im Speck, du faules Schwein und die da oben haben gar nichts! Wenn Du das erlebt und kapiert hast, dann gehst Du raus und trainierst lieber ’ne Runde, statt dein Training am Computer auszuwerten. Also einfach eine härtere Einstellung, lernen von den Kenialäufern, wie die aus nichts so viel machen können und staunen, wie wir aus so viel so wenig machen, viele Halbheiten, und sich im Dickicht der Optionen verlieren. Das ist einfach unglaublich.

Wir jammern dann auf einem hohen Niveau hier in Deutschland…
Wir haben wirklich einen sehr hohen Jammerlevel. Wenn ich den Kenianern sagen würde, dass wir unsere Toiletten mit Trinkwasser spülen oder unsere Autos damit waschen, während die aus einem braunen Wasserloch trinken, dann stimmt irgendwas mit der Werteskala in dieser Welt nicht.

Herr Steffny, zum Abschluss: gibt es einen Traum oder Wunsch oder Ziel in Ihrem Leben, dass Sie noch erreichen möchten?
Ich habe mir eigentlich mit Fleiß und Geduld sehr viele Träume erfüllen können. Glück braucht immer einen Schmied. Ich bin dafür oft eigene Wege gegangen. Ich hatte den Kindheitstraum Zoodirektor zu werden und bei einer internationalen Meisterschaft auf dem Treppchen zu stehen. Nun, immerhin bin ich Zoologe geworden und das mit der Medaille ist mir bei der Europameisterschaft 1986 gelungen. Ich habe durch den Sport viel von der Welt gesehen. Ich wollte immer Bücher schreiben. Das war zwar ursprünglich als Biologe gedacht, aber nun ist es mir eben gelungen als Laufexperte Bestseller zu schreiben. Ich habe zudem zwei tolle Kinder. Sagen wir mal so, ich habe im Leben noch einiges vor, habe aber auch schon sehr viel bekommen. Im Prinzip möchte ich solange es irgendwie geht fit und gesund bleiben und in jeder Lebensstufe eine sinnvolle Aufgabe haben. Das hat bisher immer geklappt und deswegen ist für mich Altern an sich, wenn man sich körperlich gut in Schuss hält, überhaupt kein Problem.

Die Grundbotschaft ist ja eigentlich immer die gleiche.
Sicher, wenn ich erfolgreiche Menschen studiere, dann sind das ganz oft sehr ähnliche Mechanismen. Irgendwo der Glaube an sich selbst und der Mut zur Lücke, sein Talent versuchen zu finden, diese Beharrlichkeit sich von anderen nicht beirren zu lassen. Das kann man dann auf alles anwenden.

Also viele nehmen durch das Marathonlaufen viel mit ins Berufsleben oder Privatleben. Es hat was mit der Einstellung, Disziplin und Konsequenz zu tun.
Bei mir war es umgekehrt. Ich mußte die gute Arbeitsmoral aus dem Berufsleben als Biologe an der Universität auf den Sport anwenden. Allerdings habe ich meine Arbeitsmoral dann später über das sehr harte Marathontraining im Weltklassebereich weiter verstärkt. Zum Glück hat meine Karriere als Profisportler erst spät angefangen, das ließ sich dann etwas erwachsener besser verwalten. Wenn ich da jemand wie Boris Becker sehe, der mit 16, wo er noch gar nicht weiß, was das Leben ist, mitten im Medienfocus steht, da bin ich froh, das ich schon älter war. Mir war klar, daß Licht auch Schatten wirft und Berge nicht ohne Täler existieren. Das Leben hatte mich mit 30 Jahren schon längst darauf vorbereitet. Der Leistungssport lehrt auch, daß man sein Ziel so gut wie möglich vorbereiten muß. Nicht Wissen, sondern Handeln ist Macht! Von nichts kommt nichts!

Das Training ist ja auch sehr hart und zeitaufwendig.
Ich bin damals bis zu 300 km die Woche gelaufen. Wenn ich sehe, was heutzutage teilweise rumtrainiert wird, dann muss ich schon sagen, viele unserer Nachwuchsläufer sind nicht hart genug. Es gäbe nach wie vor tolle Möglichkeiten für deutsche Marathonläufer, wenn die nur die Zeiten laufen würden, die wir bei den Männern schon vor 20 Jahren erbracht haben. Wenn heute ein Deutscher mit diesen Leistungen vorne mitlaufen würde, hätte er auch Chancen auf lukrative Werbeverträge oder Preisgelder. Viele sind heute nicht mehr bereit alles auf eine Karte zu setzten und alles zu riskieren. Unsere Eltern haben uns noch gesagt: du musst lange schaffen, bis es Licht am Ende des Tunnels gibt. Wir haben uns damals als Kinder in der Freizeit auf der Straße viel mehr bewegt als die Kids heutzutage. Stichwort Mamataxi und Computer. Es ist ja nicht nur bei uns so, in Amerika, Großbritannien oder Frankreich ist es das Gleiche. Die besten Läufer sind dort meistens die Einwanderer aus irgendwelchen Kolonien. Die haben wir wie Deutsch-Ostafrika verloren, sonst wäre ich wohl selbst nie im Nationaltrikot gelaufen. Die Kenianer oder Äthiopier stehen mit dem Rücken an der Wand, haben nichts zu verlieren und ergreifen mit Laufen vielleicht den einzigen Strohhalm. Die werden weder reich heiraten, noch eine gute Ausbildung bekommen, von den Eltern gibt’s nichts zu erben und die soziale Hängematte existiert nicht. Dann hören die, daß man mit Laufen in Europa oder in den USA reich werden kann und dann legen die los – wer gar nichts hat auch barfuß. Die haben eine extrem starke Motivation für einen sozialen Aufstieg. Dazu kommt Fleiß und die Verpflichtung gegenüber der Familie. Das macht den Sieger aus. Ein deutscher Nachwuchsathlet könnte in Kenia viel lernen. Ein hungriger Wolf beißt besser. Aber wir sind wohl nicht mehr hungrig genug.

Vielen Dank für Ihre Zeit, vielen Dank für das interessante Gespräch!

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