Interview mit Carsten Eich

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Lothar Carsten Eich ist ein ehemaliger deutscher Langstreckenläufer, der seine größten Erfolge bei Straßenläufen erzielte. Geboren am 9. Januar 1970. Eich ist mehrfacher Deutscher Meister über 10.000 Meter, über die Halbmarathon- und Marathon-Distanz. 2007 hat er sich aus dem Leistungssport zurückgezogen.

Dirk Schmidt hat ihn getroffen, um mit ihm über Disziplin, Durchhaltevermögen und Ziele zu sprechen.

Herr Eich, wie sind Sie zum Laufen gekommen?
Ich komme aus der ehemaligen DDR, bin in Leipzig geboren und habe den traditionellen Weg des „DDR Leistungssportes“ eingeschlagen. Über die Sichtung im Schulsport bin ich zur Leichtathletik gekommen. Ich habe mit 9 Jahren angefangen, Leichtathletik zu trainieren. Es hat sich dann relativ schnell herausgestellt, dass ich für die Mittel- und Langstrecke am geeignetsten war.  Und so bin ich über die Kinder- und Jugendsportschule zum Leistungssport gekommen.
Seit wann sind Sie Leistungssportler?
Ich bin mit 15 Jahren zur Kinder- und Jugendsportschule gekommen. Seitdem trainiere ich auch leistungsmäßig zweimal am Tag. Das sind inzwischen fast 20 Jahre.

Sie sind 1970 geboren?
JA, und 1985 fing das an mit dem Leistungssport.

Wie sind Sie zum Marathonlauf gekommen?
Ich habe Anfangs 3.000, 5.000 und 10.000 Meterläufe gemacht. Ich war auch relativ erfolgreich, und gerade nach der politischen Wende sind wir in den Bereich der Straßenläufe gekommen. Zuerst einmal auf kürzeren Distanzen, die es so in der DDR gar nicht gab, und es hat sich relativ schnell herausgestellt, dass ich auf der Straße meine Leistung noch besser umsetzen konnte wie auf der Bahn. Gerade über 10.000 Meter hatte ich doch mit den 25 Runden ein kleineres  Problem, und das hat sich auf der Straße so nicht dargestellt. Ich bin dann 1993 in einem meiner ersten Halbmarathons einen Europa-Rekord mit 60:34 Minuten gelaufen, das ist heute noch Deutscher Rekord. Ab da war auch der Weg zum Marathon vorprogrammiert.

Was würden Sie einem „untrainierten“ Läufer empfehlen, der einen Marathon laufen möchte?
Auf was sollte er achten? Welchen Zeitrahmen sollte er sich setzen?
Ich denke man sollte vorher schon regelmäßig gelaufen sein, wenn man mit dem Gedanken spielt, Marathon laufen zu wollen. Medizinische Untersuchungen sollten durchgeführt worden sein, damit von dieser Seite alles OK ist. Und dann sollte man sich einen Marathon im Zeitraum von 9 bis 12 Monaten vornehmen. Nicht kurzfristig einfach aus einer Lust und Laune heraus sagen, da möchte ich jetzt mal mitlaufen, sondern das ganze planen, und dann auch langfristig  vorbereiten.

Haben Sie einen Tipp oder einen „Trick“ wie Sie Ihren „inneren Schweinehund“ überwinden, wenn Sie mal keine Lust zum Laufen haben?
Für mich ist der Leistungssport ein Job und das seit vielen Jahren. Es ist meine Aufgabe, und deshalb sage ich oft: “Viele Menschen haben, auch wenn sie täglich auf die Arbeit gehen, nicht immer Bombenstimmung oder Lust das zu tun“! Aber es ist eine Aufgabe, die ich erfüllen möchte, und ich motiviere mich einfach mit Zielen und über Ergebnisse, die ich erreichen möchte. Ich weiß z.B. in 4 Monaten ist dieser Marathon in Düsseldorf, und damit weiß ich auch was ich in den nächsten 16 Wochen trainieren muß.
Ein Tipp ist sicherlich noch, sich mit Gleichgesinnten zu verabreden, also möglichst nicht alleine zu trainieren, dann läßt man die Verabredung auch nicht alleine im Regen stehen, man läuft dann auch mal bei schlechterem Wetter.

Herr Eich, Sie hatten die Ziele angesprochen, wie wichtig sind Ziele fürs Laufen?
Für mich sind Ziele von ausschlaggebender Bedeutung, weil ich mich darüber einfach motivieren muß. Momentan habe ich gerade eine Verletzung und da war es für mich einfach ganz wichtig, dass ich mir wieder Ziele gesetzt habe. Das ich mir konkrete Termine von Wettkämpfen vornehme, darauf hin muß ich dann trainieren, weil das Langstreckentraining eine sehr langfristige Geschichte ist. Man kann nicht einfach mal 2 Wochen gut trainieren und dann passt alles um eine  Marathon- oder Straßenlauf zu bestreiten. Es ist eine Geschichte die sich über Wochen und Monate entwickelt, und da ist einfach die Motivation ganz ganz wichtig.

Mit dem Ziel ist ja eine Sache – mehr zur Motivation hin, und Ihre Verletzung die Sie jetzt haben –  ist ja schon ein Hindernis. Wie gehen Sie damit um?
Als ich vor 5 oder 6 Wochen den Marathon hier in Düsseldorf absagen mußte, hing ich natürlich zuerst auch in einem Tief. Ich habe auch eine Verletzung, die ein bißchen dauern wird. Ein Ermüdungsbruch im Mittelfuß, wo man einfach Zeit braucht, das wird 10 oder vielleicht sogar 12 Wochen dauern, bis ich wieder laufen kann. Ich habe mich dann aber wieder neu motiviert mit dem was ich in diesem Jahr trotzdem noch erreichen kann. Wir haben im Herbst noch die Deutschen Meisterschaften über 10 Kilometer auf der Straße, die ich gerne wieder gewinnen würde. Auch gerade hier in Düsseldorf ist der Kö-Lauf sicherlich Anfang September für mich ein großes Thema, da ich ja seit diesem Jahr für einen Verein aus Düsseldorf starte. Von daher möchte ich auch die Verbindung zur regionalen Laufszene aufbauen.  Solche Geschichten habe ich mir dann einfach wieder zum Ziel gesetzt. Diese  Motivation ist auch erforderlich um den ganzen Sommer über auf dem Fahrradergometer und im Wasser beim Aquajogging trainieren zu können.

Wie gefällt es Ihnen hier im Rheinland?
Ich habe seit Anfang des Jahres hier eine neue sportliche Heimat gefunden, und war schon des Öfteren hier. Ich habe auch gerade im Vorbereitungsprogramm für die Einsteiger zu MetroGroup-Marathon immer wieder mal mitgewirkt. Was ich bisher gesehen habe ist sehr  schön, also die ganze Gegend hier am Rhein hat natürlich ein Flair was super ist. Gelaufen bin ich hier noch nicht so viel, weil in den letzten Wochen die Verletzung dazwischen kam, aber es ist sicherlich eine lebenswerte Stadt, kein Thema.

Was waren Ihre schönsten Erlebnisse beim Laufen?
Welche Highlights gab es für Sie?

Es gibt sicherlich einige Highlights in den 20 Jahren Leistungssport, die Olympiateilnahme 1992 in Barcelona und 2000 in Sydney, auch wenn Sie von den Ergebnissen her vielleicht nicht überwältigend waren, werden es für mich trotzdem Highlights bleiben, weil es das Größte ist, was man als Leistungssportler erreichen kann. Oder auch der Europarekord 1993, das war natürlich ein super Feeling. Ich war damals 23 Jahre und wußte, dass ich der schnellste Halbmarathonläufer ganz Europas war und das über mehrere Jahre. Das sind für mich schon Geschichten die sehr sehr wichtig waren, genauso auch die Siege bei den Marathons.
Einen Marathon zu gewinnen ist ein ganz besonderes Feeling. Egal ob das hier an der Rheinterrasse war, wo ich letztes Jahr den Düsseldorf Marathon gewonnen habe. Oder 1998 am Kölner Dom, wenn man da ins Ziel vor tausenden von Zuschauern als Erster einläuft und so eine Marathon Vorbereitung durchgestanden hat, wirklich topfit war und es dann auch im Rennen umsetzen konnte, das ist einfach eine tolle Geschichte.

Neben diesen Highlights, gab es da auch „Pannen“ für Sie bei den Läufen?
Sicherlich, im Leistungssport oder beim Marathon ist es ja immer so eine Geschichte, die gut gehen kann, aber nicht gut gehen muß. Wir bewegen uns immer im Grenzbereich. Leistungssport bedeutet ja eigentlich Grenzbereich, zwischen dem was möglich ist und dem was vielleicht nicht mehr ganz sinnvoll ist. So entsteht z.B. die ein- oder andere Verletzung, oder es gibt Tage wo einfach nichts funktioniert. Ich bin schon bei einem Marathon ausgestiegen, weil es einfach nicht mein Tag war. Obwohl die Vorbereitung eigentlich OK gewesen ist, konnte ich an dem Tag die Leistung nicht in ein Ergebnis umsetzen. Solche Geschichten passieren, auch da muss man sich dann wieder neue Ziele setzen, neu motivieren und wieder neu anfangen.

Was könnten Sie dem Hobbyläufer mitgeben?
Was ist für Sie das Besondere beim Laufen, nach 20 Jahren Leistungssport?

Ich denke das Laufen ist sicherlich eine Geschichte die man sehr unproblematisch fast überall machen kann. Es ist ein gutes Gefühl sich körperlich fit zu halten, denke ich, und wenn man es mit Freunden oder Laufkollegen machen kann, macht es auch Spaß, man kann sich unterhalten und tut etwas für seinen Körper. Wir haben auch in einer ganzen Reihe von Laufseminaren immer wieder das Feedback bekommen, dass gerade auch Topmanager, die viel und sehr intensiv arbeiten, durch laufen positive Energie für Ihren Job bekommen. Wenn sie sich die Zeit nehmen um zu laufen, haben viele in genau dieser Stunde die besten Gedanken und neue Ansätze für Ihre Arbeit, weil das Laufen einfach auch den Kopf und die Gedanken frei macht. Man bewegt sich in der Natur und hat viel Sauerstoff um besonderst kreativ zu sein. Und obwohl Arbeitszeit mit dem Laufen verbraucht worden ist, hat man neue Wege und Lösungen gefunden.

Was hat es mit diesen Glücksgefühlen beim Laufen auf sich und den Endorphine die ausgeschüttet werden sollen?
Hatten Sie das auch schon?

Ich denke mal, Glücksgefühle sicherlich schon, vielleicht nicht so ausgeprägt wie es teilweise beschrieben wird. Weil bei uns die Ermüdung und Erschöpfung sehr groß ist, ist man ist natürlich glücklich wenn man das Ziel erreicht hat. Ich denke schon, das es vielen Leuten so geht, wenn sie ein Ziel erreicht haben, vielleicht ihren Marathon durchzustehen, oder auch nur einen kürzeren Lauf. Das ist einfach ein gutes Gefühl, wenn man sich auf etwas vorbereitet hat, und  es dann auch funktioniert. Genau das denke ich mal, sind diese immer wieder beschriebenen Glücksgefühle.

Sie laufen jetzt schon 20 Jahre als Leistungssportler. Wie viel Jahre können wir Sie noch genießen?
Als Läufer werden es sicherlich noch ein paar Jahre sein, als Leistungssportler muß man mal schauen: Ich bin jetzt 35 Jahre, und blicke im Moment eigentlich von Jahr zu Jahr, und solange ich verletzungsfrei bin und meine Leistung noch bringen kann, werde ich auch dem Leistungssport noch treu bleiben. Aber irgendwann wird die Karriere auch mal zu Ende gehen.

Was ist noch ein großes Ziel, das Sie erreichen möchten?
Im Moment möchte ich natürlich erstmal mal wieder gesund werden und  erfolgreich fürs Rheinland laufen. Ich werde seit Anfang des Jahres als Athlet des Metro Group Marathon Düsseldorf optimal unterstützt und deshalb möchte ich diese Veranstaltung auch im nächsten Jahr noch einmal gewinnen. Das ist für mich einfach eine Herzensangelegenheit. Sonst hoffe ich irgendwann im richtigen Moment den Absprung vom Leistungssport in das normale Leben zu finden.

Ins „normale Leben“! Ist das „unnormal“ was Sie jetzt tun?
Jein, es ist sicherlich ein zweischneidiges Schwert dieser Leistungssport. Es ist für mich immer eine tolle Geschichte gewesen. Es war ein wichtiger Teil meines Lebens, ist es hoffendlich auch noch das ein oder andere Jahr. Aber als normal kann man es sicherlich auch nicht bezeichnen. Ich bin in den letzten Jahren pro Jahr ca. 8.000 Kilometer gelaufen, wenn man das jetzt mal auf die rund 20 Jahre Leistungssport hoch rechnet, sind das schon 150.000 Kilometer.
Das ist wahrscheinlich für Menschen nicht so vorgesehen und von daher ist es wohl auch nicht ganz normal, für mich war es das aber und der Sport hat mir unheimlich viel gegeben.

Hatten Sie Vorbilder in Ihrer Karriere?
Ja, sicherlich, als ich als Kind im Alter von zehn Jahren angefangen habe, hatte ich schon Vorbilder. Ich komme aus Leipzig, nicht weit davon entfernt in Halle lebt und trainierte Waldemar Cierpinski, der 1976 und 1980 Olympiasieger im Marathon war. Er war das Aushängeschild der damaligen DDR im Laufbereich und er war schon so etwas wie ein Vorbild für mich, obwohl ich niemandem direkt nachgeeifert bin, und irgendwann habe ich versucht meinen eigenen Weg zum Erfolg zu finden.

Gibt es ein Lebensmotto nach dem Sie leben? Wer trainiert Sie eigentlich?
„Für mich ist immer der Weg das Ziel um dabei das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren“. Es ist sicherlich so, dass ich sehr ehrgeizig bin und manchmal auch über das Ziel hinaus schieße. Aber dafür habe ich in den letzten Jahren einen sehr guten Trainer gefunden der mich da optimal aussteuert. Axel Krippschock, der selber auch eine 10.000 Meter- Bestzeit von unter 28 Minuten hat, war ein erfolgreicher Langstreckler in der DDR. Wir haben jetzt eine Möglichkeit gefunden, wie wir die theoretische Planung und die Umsetzung des Trainings gut ansteuern, und das unter einem freundschaftlichen Aspekt. Es ist sicher nicht das knallharte Trainer-Athlet-Verhältniss wie es das in meiner Karriere auch schon gab, am Anfang mit Wolfgang Heinig. Sondern das ist jetzt mehr eine Geschichte die auf Freundschaft und der jahrelangen Erfahrung von uns beiden als Athleten basiert und der Erfolg gibt uns Recht. Ich bin davon überzeugt, dass ein Marathontrainer am eigenen Körper erlebt haben sollte, was er seinem Athleten tagtäglich „zumuten“ muss.

Neben diesem Basistraining mit Ihrem Trainer, das Sie angesprochen haben, wie wichtig ist der mentale Teil einer Vorbereitung für einen Wettkampf für Sie?
Der mentale Teil ist sicherlich im Leistungssport sehr wichtig, unheimlich viel wird im Kopf entschieden. Ich habe durch die vielen Jahren Leistungssport irgendwo die gewisse Ruhe bekommen, bzw. ich weiß, wie ein Wettkampf ablaufen sollte damit er funktioniert. Ich ziehe die meiste Kraft aus einer positiven Vorbereitung, so weiß ich, was ich vor einem Marathon trainiert haben muss.  Und wenn das alles gut funktioniert hat, dann gehe ich auch mental stark in so ein Rennen, weil ich dann einfach auf meine Stärken vertraue. Mit Schwierigkeiten und Problemen kann und sollte man nicht rechnen, obwohl sie passieren können. Aber darauf  muß man dann spontan in diesem Moment reagieren, das darf einen vorher nicht belasten.

Was würden Sie einem Hobbyläufer noch aus Ihrer Erfahrung mitgeben?
Es ist mit Sicherheit wichtig, sich möglichst sogar unter professioneller Anleitung, auf einen Marathon vorbereiten zu lassen. Viele Veranstalter, Vereine und Lauftreffs bieten so etwas an, da ist man auf der sicheren Seite. Es kann ganz sicher auch nicht schaden, vorher eine Art Leistungsdiagnostik zu machen, um einfach zu wissen, in welchem Bereich der Leistungsfähigkeit bewege ich mich, bei welchem Tempo bin ich auf der sicheren Seite. Man sollte den Marathon nie zu schnell angehen, (weil sich das mit Sicherheit hinten rächt), um in der zweiten Hälfte noch die Kraft und die Möglichkeit zu haben etwas zuzulegen. Wenn man den ersten Marathon läuft: keine allzu großen Ziele bei der Zeit setzen, sondern wirklich in dem Bereich laufen, den man trainiert hat. Die eigene Zeit kann man dann im Laufe der nächsten Veranstaltung  steigern. Ansonsten gibt es noch einige Tipps die allgemein bekannt sein dürften:
Die Tage vorher die Kohlehydratspeicher auffüllen, damit genügend Energie da ist. Alle Verpflegungsstellen nutzen, frühzeitig trinken, auch wenn es nicht so warm ist, damit gar nicht erst das Durstgefühl entsteht, weil dann ist es oft schon zu spät. Neue Schuhe über mehrere kurze Trainingseinheiten einlaufen, um Blasen und Druckstellen zu vermeiden.

Herr Eich, vielen herzlichen Dank für dieses interessante Interview.

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