Über die Stärke, zum notwendigen Zeitpunkt das Richtige zu tun

„Dann kam das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief‘s ganz flüssig.“
(Paul Breitner)

Willkommen zu einer kleinen Zeitreise. WM-Finale 1990 in Italien. Deutschland gegen Argentinien. Die beiden größten Mannschaften jener Zeit stehen sich nach 1986 wieder im Endspiel des bedeutendsten Turniers der Fußballwelt gegenüber. Die 85. Minute ist angelaufen. Beim Stand von 0:0 wird Rudi Völler von Roberto Sensini im Strafraum zu Fall gebracht, der mexikanische Schiedsrichter pfeift und zeigt auf den Punkt: Elfmeter.

Das ganze Land sitzt gebannt vor dem Fernseher. Andreas Brehme greift sich die Kugel. Fokussiert, entschlossen, siegessicher. Später wird er in einem Interview sagen, er habe keine Zweifel an sich gehabt: „Man muss davon überzeugt sein, sonst wäre ich nicht zum Elfmeter hingegangen; dafür stand viel zu viel auf dem Spiel.“ Wer zum spielentscheidenden Elfmeter antritt, muss selbstbewusst sein und Nervenstärke zeigen.

Mann gegen Mann. Eine einmalige Chance. Aus elf Metern Entfernung tritt der Schütze gegen den Torwart an, übernimmt die Verantwortung für seine Mannschaft und kann durch seine eigenen Fähigkeiten eine Entscheidung herbeiführen. Solch eine Chance bietet jedoch in gleichem Maße auch Risiken, Versagensängsten kommt eine große Bedeutung zu. Die mediale Aufmerksamkeit ist auf den Schützen gerichtet. Schließlich erinnert man sich eher an Spieler, die verschossen haben als an Torhüter, die keinen Ball gehalten haben. Sicher haben Sie einige Beispiele im Kopf: Uli Hoeneß (1976), Roberto Baggio (1994) oder Arjen Robben, der 2012 sowohl im Meisterschaftsspiel gegen Borussia Dortmund Nerven zeigte, als auch im Champions-League-Finale gegen Chelsea London scheiterte.

Jeder von Ihnen kennt solche Situationen aus dem Alltag. Oft gilt es, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, voranzuschreiten. Nur wer Chancen am sprichwörtlichen Schopfe packt, kann in der Wirtschaftswelt und im Alltag erfolgreich sein. Wer den Ball verwandelt, ist der gefeierte Held. Die Stärke, sich den Ball zu greifen, zum Punkt zuschreiten und den Ball im Tor zu versenken, d.h., zum notwendigen Zeitpunkt das Richtige zu tun, resultiert aus Mut, Entscheidungsfreude, Glaube an die eigenen Fähigkeiten und Akzeptanz der möglichen Risiken.

Denken Sie einmal an Ihre Führerscheinprüfung zurück. Monatelange Vorbereitung, zahllose Kilometer auf den Straßen dieser Welt: Sie wissen, dass Sie Auto fahren können, dass Sie einparken können, dass Sie die Verkehrsregeln im Schlaf beherrschen. Doch nun müssen Sie ihre Fähigkeiten auf den Punkt abrufen. Sie haben Angst. Angst davor, ein Vorfahrtsschild zu übersehen, eine durchgezogene Linie zu überfahren, den Schulterblick vor lauter Stress zu vergessen oder gar beim Einparken ein anderes Auto zu touchieren. Die Vorstellung, das angestrebte Ziel, die Erlangung der Fahrlizenz, nicht zu erreichen, wirkt bedrohlich und hemmt das eigene Potenzial. Sie sind auf sich allein gestellt, die Augen des Prüfers sind nur auf Sie gerichtet, jede Bewegung, jede Handlung wird beobachtet und bewertet.

Stellen Sie sich folgende Frage: Bin ich in dieser Situation wirklich auf mich allein gestellt? Meine Antwort für Sie lautet: Nein! Ihr Wissen, Ihre Erfahrung, Ihre Fähigkeiten, im Grunde genommen wird Ihr gesamtes Tun von Ihrem Können, von Ihren ureigenen Ressourcen begleitet und positiv verstärkt.

Das Wissen um die eigenen Fähigkeiten hilft Ihnen, die Angst vor dem Versagen subjektiv zu erkennen und durch Akzeptanz zu bewältigen. Der positive Gedanke „Ich kann es!“ ermöglicht Ihnen, Ihre Aufgaben siegessicher und zielorientiert zu bewältigen, indem Sie Ihre Angst kontrollieren.

Jene Angst vor dem Elfmeter, die Angst vor der eigenen Courage, lässt sich in vielerlei Hinsicht auf alltägliche Situationen übertragen.

Stellen Sie sich vor, es ist Freitagabend und Sie sind in einer Bar in der Innenstadt. Sie treffen sich mit Freunden oder Kollegen auf ein Feierabendgetränk. Sie unterhalten sich angeregt und erblicken plötzlich eine attraktive Person an der Theke. Sie lächelt Ihnen zu, Sie lächeln zurück. Wer macht den nächsten Schritt? Wer ergreift die Initiative? Das Leben bietet Ihnen einmalige Gelegenheiten, die den weiteren Verlauf ihres Lebens prägen können, wenn Sie diese Chancen wahrnehmen. Während sich Ihre Blicke treffen, sind Sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst. Sie wissen um Ihr Auftreten, Ihre Erscheinung, Ihr Wirken auf andere Menschen. Dennoch zweifeln Sie. Wieso? Ergreifen Sie die Möglichkeit, so wie Andreas Brehme sich die Pille geschnappt hat. Was kann Ihnen im schlimmsten Fall passieren?! Die Welt wird davon nicht untergehen. Ihre auch nicht. Egal, wie es ausgeht.

Vorbeigezogenen Chancen trauern wir nur allzu gerne nach. Es ist wie an der Börse: Niemand klingelt, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, eine Aktie zu kaufen. Zögern wir beim Einstieg, ärgert man sich vielleicht später über verpasste Gewinne. Hören wir lieber auf unser Bauchgefühl und glauben an unsere eigene Courage und Stärke. Sei es im Vorstellungsgespräch nach einer kräftezehrenden Jobsuche oder bei der Präsentation eines Projektes.

Zeigen Sie Mut, gehen Sie voran, übernehmen Sie Verantwortung. Scheuen Sie sich nicht, selbst die Initiative zu ergreifen. Warten Sie nicht darauf, dass andere Menschen zuerst handeln und den Erfolg zu Ihnen tragen. „Irgendwer wird‘s schon richten“ – mit dieser Einstellung werden Sie kein Meister Ihres Alltags.

Damit möchte ich nicht sagen, dass jede ergriffene Chance zwangsläufig zu persönlichem Erfolg führt. Viel mehr möchte ich Sie dazu ermutigen, an sich zu glauben und öfter eine Gelegenheit zu nutzen, auch wenn der Ball beim Elfmeter einmal nicht den Weg ins Tor findet.

Die Fußballer auf dem Rasen machen es uns vor: Die Tatsache, dass jeder Bundesligaspieler, der nach einem verschossenen Elfmeter im selben Spiel ein weiteres Mal vom Punkt angetreten ist, den Ball verwandelt und sein Team zum Sieg geführt hat, zeigt, dass Mut und Hartnäckigkeit sich auszahlen. Das positiv verstärkende Leitmotiv „Ich kann es!“ wird durch Fehlschläge nicht beschädigt. Aus Fehlern lernt man, so dass Ihre zukünftigen Handlungen von höherem Erfolg geprägt sein werden: Der Misserfolg kann sogar der passende Schlüssel zum Erfolg sein. Bleiben Sie am Ball! Ergreifen Sie weitere Chancen, zeigen Sie Mut! Solange Sie sich und ihr Ziel nicht aufgeben, ist aller Misserfolg kein Scheitern, sondern nur ein weiterer kleiner Schritt zu Ihrem persönlichen Glück.

Tun Sie es Aaron Hunt gleich, der im September 2012 im Spiel des SV Werder Bremen gegen den Hamburger SV den ersten Elfmeter verschoss und nur wenige Minuten später erneut antrat, um den Ball zu verwandeln. Steigen Sie nach einem Autounfall wieder in ein Auto und fahren Sie. Glauben Sie an ihre Fähigkeiten, lassen Sie sich nicht von ihren Ängsten beirren. Halten Sie es wie Oliver Kahn, getreu dem Motto „Weiter, immer weiter!“

Denken Sie an die Situation in der Bar. Vielleicht sitzt am Nachbartisch jemand, der es Ihnen ebenso angetan hat. Gehen Sie auf diesen Jemand zu, sprechen Sie ihn an, vertrauen Sie auf Ihre Person. Seien Sie mutig, den Zeitpunkt zu nutzen, die Chance zu ergreifen. Nur wer wagt, kann auch gewinnen. Sie müssen nur dem Glück die entscheidenden Schritte entgegengehen.

Andreas Brehme tut genau das. Er legt die Kugel auf den Punkt, nimmt Anlauf und versenkt den Ball im unteren linken Eck. Deutschland geht mit 1:0 in Führung und rettet das Ergebnis über die Zeit. Zum dritten Mal nach 1954 und 1974 wird eine deutsche Fußballnationalmannschaft Weltmeister, die ganze Nation jubelt dank Andreas Brehme. Er wusste, was er kann und hat es einfach getan. Selbstvertrauen und innere Bestimmtheit führten zum Erfolg, zum größten Erfolg seiner Karriere.

Es sind besondere Momente, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Durch Ihr Handeln entscheiden Sie über Ihren Werdegang. Hoffen Sie nicht auf das Schicksal oder auf Fügung. Nehmen Sie Ihr Leben selbst in die Hand und ergreifen Sie Ihre Chancen. Glauben Sie an Ihre Stärke. Zeigen Sie Kampfgeist und Willenskraft. Es wäre doch gelacht, wenn Sie das nicht hinbekommen.

Dieser Text stammt aus dem Kapitel „Die Angst vor dem Elfmeter“ aus dem neuen Buch „Wenn Sie wüssten, was Sie können – Was wir vom Fußball lernen können“.

 

 

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