|
Dr. Jürgen Roters
Seit 1999 Regierungspräsident von Köln
Geb.: 15.01.1949
Geburtsort: Coesfeld
Familienstand: verheiratet, 3 Kinder
Marathonerfahrung: 25 Läufe
Marathon Gespräch von Dirk Schmidt mit Herrn
Jürgen Roters, vom 28. September 2004
Dirk Schmidt:
Aus welchem Grund Laufen Sie?
Dr. Roters:
Für mich ist Laufen ein Stück Lebenselixier.
Ich betreibe dieses Dauerlaufen schon seit über
40 Jahren. Ich bin schon sehr früh zur Leichtathletik
und zum Laufen gekommen. Die Möglichkeit, etwas
für seine Gesundheit zu tun und den Kontakt
zur Natur zu halten, das ist etwas Wunderbares.
Dirk Schmidt:
Wie sind Sie zum Marathon laufen gekommen?
Dr. Roters:
Ich habe früher Leistungssport betrieben. Ich
war Mittelstreckenläufer, habe aber studienbedingt
damit aufgehört. Dann habe ich mir gedacht:
"…was kannste noch machen außer 1500 Meter zu
laufen?" Ich habe mich dann mal auf die ganz
lange Strecke gemacht, ohne jedoch Ambitionen
zu haben.
Dirk Schmidt:
Worauf sollte der Anfänger achten?
Dr. Roters:
Sich sehr gut vorzubereiten, das ist das A und
O, und sich gesundheitlich einmal durchchecken
zu lassen. Zu Anfang sich nicht zu viel vorzunehmen
und einfach in sich hinein zu horchen: bin ich
ein begabter Läufer, oder fällt es mit dem Laufen
eh ein bisschen schwer? Dann muss ich mich auch
darauf einstellen was die Zeiten anbelangt.
Und vor allen Dingen eine einigermaßen disziplinierte
Lebensführung. Einigermaßen, man muss nicht
allen Dingen des Lebens abschwören.
Dirk Schmidt:
Wie kann man konkret seinen untrainierten Körper
in Schwung bringen?
Dr. Roters:
Indem man sich ein festes Programm vornimmt.
Wenn man aus einer Situation heraus noch nicht
viel Sport betrieben hat und sich vornimmt,
diesen großen Schritt Marathon zu tun, geht
es darum, sich selbst langsam an das Laufen
heranzuführen; möglichst auch in einer Gruppe.
Nicht zu viel auf einmal zu machen, sich spielerisch
an das Laufen heranzubringen, kleinere und kürzere
Strecken zu laufen, Pausen zu machen und dann,
so langsam im Laufe der Wochen, die Strecken
und die Intensitäten zu steigern. Man sollte
aber nach jedem Lauf ein Gefühl der Entspannung
haben, und nicht das Gefühl man sei völlig ausgepumpt.
Dirk Schmidt:
Wie viele Tage die Woche laufen Sie?
Dr. Roters:
Ich persönlich laufe etwa 5 bis 6 mal die Woche,
aber auch unter diesem Gesichtspunkt entspannendes
Laufen. Das hängt aber davon ab wie viel Zeit
man gerade hat. Ich laufe jeweils morgens früh
zwischen 8 und 12 Kilometer. Das lässt sich
für mich persönlich am besten morgens arrangieren.
Weil abends ist man häufig müde oder ist in
Terminen. Man gewöhnt sich auch an das frühe
Aufstehen. Das hätte ich mir vor 10 Jahren nicht
vorstellen können, morgens früh um 6.15 Uhr
in den Wald zu gehen. Heute ist das ein Stückchen
regelmäßige Tagesordnung.
Dirk Schmidt:
Wie überwinden Sie Ihren „inneren Schweinehund“,
wenn Sie keine Motivation finden?
Dr. Roters:
Dann bleibe ich im Bett liegen. Aber, in der
Tat ist es ist immer gut, wenn man so ein gewisses
Ziel hat, wie ein oder zwei größere Läufe, also
auch einen Marathonlauf, im Jahr. Dass führt
dazu, dass man schon ein bisschen disziplinierter
seine Vorbereitungsläufe macht. Wenn man mal
nicht so gut drauf ist oder das Wetter nicht
so gut ist, dann macht man sich trotzdem auf
den Weg. Die Erfahrung zeigt, sobald man in
der den freien Natur ist, an der frischen Luft,
dann ist alle Müdigkeit vergessen und das Schöne
dabei ist auch, man wird im Laufe des Jahres
mit allen Witterungsbedingungen fertig. Es gibt
wunderschöne Läufe, bei herrlichem Frühlingssonnenschein.
Es gibt tolle Erlebnisse wenn man durch den
Schnee läuft. Es gibt auch schöne Läufe wenn
man von einem gewaltigen Regenschauer überrascht
wird und danach durch und durch durchnässt nass
nach Hause durchkämpfen muss. Das sind alles
Dinge, die einem die Natur ein bisschen näher
bringen.
Dirk Schmidt:
Gibt es sonst noch besondere Sachen für Sie
beim Laufen?
Dr. Roters:
Ich laufe relativ häufig alleine. Es ist für
mich eine innere Entspannung. Man läuft sich
ein bisschen frei, auch im Kopf. Es kommen dann
meist auch gute Gedanken, wenn man über bestimmte
Aufgaben nachdenkt oder Probleme lösen will.
Wenn man dann alleine für sich ist, dann führt
das Laufen mit dazu, dass man auch ein bisschen
kreativer wird. Wichtig für mich ist einfach
auch die Nähe zur Natur.
Dirk Schmidt:
Was waren Ihre schönsten Erlebnisse beim Laufen?
Dr. Roters:
Es ist wunderschön morgens durch den ersten
Schnee zu laufen und wenn dann die Sonne aufgeht.
Dann hat man im Grunde einen jungfräulichen
Schnee, das kommt halt nur gelegentlich vor
bei unseren Temperaturen, aber das fantastisch.
In meinen Urlaubstagen die Landschaft durch
das Dauerlaufen zu erkunden ist das etwas anderes,
als wenn man mit dem Auto oder auch mit dem
Fahrrad durch die Gegend fährt. Da hatte ich
auch schon fantastische Erlebnisse, ob das in
Amerika war oder in Italien oder am Mittelmeer.
Das sind so bleibende Erinnerungen, die sich
auch fest im Gedächtnis einprägen. Eines der
schönsten Erlebnisse war es wirklich, als ich
einen Lauf durch einen Wald mit Walkman machte.
Ich hatte dann die 6. Sinfonie von Beethoven,
die Pastorale, und dann kam der 4. Satz, ein
sehr ruhiger und sehr melodiöser Teil, nach
einem Gewitter und dann kam dieses fantastische
Adergiro zu den ersten Sonnenstrahlen, das war
wie gemalt. Das sind so Erlebnisse, die man
nie vergisst.
Dirk Schmidt:
Gab es neben diesen vielen schönen Dingen auch
Pannen, die Ihnen beim Laufen passiert sind?
Dr. Roters:
Oh ja! Ich bin mal nachts in einen Graben gestürzt,
da habe ich gedacht das wäre ein Radweg und
wollte von der Straße auf den Radweg springen
und habe auch nicht gemerkt, dass dazwischen
ein tiefer, nasser Graben war. Worunter Jogger
immer zu leiden haben, sind Hunde. Das war nicht
so sehr im Stadtpark, wo sie an der Leine sind,
aber wenn man im freien Feld läuft, an einem
Bauernhof vorbeikommt und dann ein Hund hinter
einem herläuft oder auch belagert, das hat dann
schon zu Adrenalinstößen geführt.
Dirk Schmidt:
Das ist ja dann gut für die Laufzeit?
Dr. Roters:
Ja. Ich bin auch schon einmal zu einem Bauernhof
gekommen, da stand ein Hund vor mir und knurrte
mich gefährlich an und ich konnte keinen Zentimeter
weder vor, nach hinten, oder zurück gehen und
hatte das Gefühl er beißt jeden Augenblick zu.
Dann wurde ich befreit als ich laut geschrieen
habe, durch die Bäuerin, die dem Hund mit dem
Stock eine mitgegeben hat.
Dirk Schmidt:
Wie wichtig sind Ihnen Ziele fürs Laufen?
Dr. Roters:
Nicht unwichtig. Es ist immer gut, wenn man
sich so etwas vornimmt, wenn man so ein stilles
Ziel auch hat, das realistisch ist. Man darf
das nicht überhöhen, aber wenn man sich vornimmt
zum Beispiel, eine bestimmte Marathonzeit zu
laufen, dann kann man auch in seinen Trainingsphasen
darauf hin trainieren und sich zum Ziel setzen,
ich möchte gerne unter 4 Stunden oder unter
3.30 Stunden oder unter 3 Stunden es schaffen.
Wenn man es dann auch tatsächlich erreicht,
ist man da doch auch sehr stolz auf sich selbst.
Dirk Schmidt:
Haben Sie Ziele beim Laufen?
Dr. Roters:
Mein Ziel beim Marathon ist, anzukommen und
gesund zu bleiben; das ist für mich selbstverständlich.
Wenn man die ersten 20 Kilometer beim Marathon
hinter sich hat und man ist noch ganz gut in
der Zeit, und wenn man so hochrechnet was man
jetzt noch für die zweite Hälfte braucht, das
motiviert schon sehr, die angepeilte Zeit auch
zu erzielen. Enttäuscht ist bin ich, wenn nach
30 Kilometer feststellt, dass man es doch nicht
geschafft hat. Dann muss man schon sehen, dass
man sich dann wieder neu motiviert.
Dirk Schmidt:
Wie viele Marathons sind Sie schon gelaufen
in Ihrem Leben?
Dr. Roters:
Ich habe jetzt 25 Marathons hinter mir.
Dirk Schmidt:
Und angekommen?
Dr. Roters:
Ich bin 22 Marathons angekommen.
Dirk Schmidt:
Welchen Effekt hat das Laufen auf Ihren Geist
und Körper?
Dr. Roters:
Für mich persönlich ist es unheimlich gewinnbringend,
weil man eine Entspannung erlebt, ein gewisses
Maß an Ideenreichtum und Kreativität, die man
beim Laufen gewinnt. Es macht auch manchmal
Spaß in einer Gruppe zu laufen. Das ist dann
auch lustig, da geht die Zeit auch schneller
rum. Von daher bringt es mir persönlich, was
die Gesunderhaltung angeht, ungemein viel. Wenn
man dann auf dem Weg zur Arbeit ist, weil ich
ein Morgenläufer bin, dann weiß man, da hast
du schon etwas Schönes geschafft. Da kann einem
so schnell nichts mehr ärgern bei all den politischen
Problemen, die man manchmal so hat.
Dirk Schmidt:
Haben Sie Vorbilder?
Dr. Roters:
Also, früher war es so, dass ich im Leistungssport
bestimmte Vorbilder hatte. Heutzutage ist das
nicht mehr so. Für mich ist es einfach wichtig,
dass ich mich persönlich einfach gut fühle,
dass meine Gelenke heil bleiben. Ich muss deshalb
nicht unbedingt ein Vorbild haben in Person,
die selbst auch Hobbyläufer sind. Mir hat imponiert,
dass was unser Außenminister absolviert hat.
Bei wirklichem Zeit- und Terminstress, bei den
unterschiedlichen Zeitzonen, die zurückzulegen
sind, sich da noch auf einen Marathonlauf vorzubereiten.
Das ist eine gigantische Leistung gewesen. Wenn
man sich vorstellt, dass er nachts noch irgendwo
in New York gewesen ist und dann schon wieder
nachmittags in Deutschland unterwegs ist zu
Veranstaltungen und dazwischen immer noch einen
Weg zu finden, um zu Laufen, das ist schon toll.
Dirk Schmidt:
Was treibt Sie an, 25 Marathons zu laufen?
Dr. Roters:
Also das ist die Spannung, ob man es noch schafft.
Es ist die Bestätigung, dass man trotz zunehmendem
Alter noch bestimmte Leistungen erbringen kann.
Es erhöht das Sozialprestige den eigenen Mitarbeitern
gegenüber, wenn man sagen kann: "Leute, ich
habe es geschafft!" Und ansonsten ist es mehr
einfach das Dabei sein und die Freude mitzubekommen,
wenn so viele Zuschauer am Straßenrand stehen
und einen anfeuern. Wenn man in Köln läuft,
spürt man schon, dass die Menschen sich freuen,
wenn sie einen sehen und wenn es dann heißt:
"Da ist unser Regierungspräsident" dann ist
es immer ein Zeichen von einer gewissen Wertschätzung.
Dirk Schmidt:
Wie motivieren Sie sich dazu?
Dr. Roters:
Im Prinzip ist es ein Stückchen meines täglichen
Lebens und ich muss mich nicht immer neu motivieren,
sondern es gehört einfach zu bestimmten Abläufen,
so wie der eine sich morgens auf sein Fahrrad
schwingt, auf sein Heimtrainer oder schwimmen
geht, so ist es bei mir das Laufen. Es ist auch
ohne allzu großen Zeitaufwand möglich und dann
genieße ich es. Da ich in der Nähe eines Sees
wohne, kann ich das morgendliche Schwimmen mit
dem Laufen noch verbinden.
Dirk Schmidt:
Gibt es ein Lebensmotto, nach dem Sie leben?
Dr. Roters:
Gesundheit, vital sein, Freude vermitteln, Menschen
ernst nehmen! Das hat alles auch mit sportlichem
Wettkampf und Aktivität zu tun.
Dirk Schmidt:
Da gibt es sehr viele Parallelen?
Dr. Roters:
Ja, doch. Was Fairness anbelangt und natürlich
auch den Kampf, wenn man mit sich selbst oder
im Leistungssport auch mit anderen sich durchzusetzen
muss, ohne Spielregeln dabei zu verletzen. Das
sind Dinge, die maßgeblich sein sollen auch
für sein berufliches Leben, dass spielt sich
da aber nicht selten anders ab. Fairness, die
man im Sport an sich erwarten sollte, findet
man nicht so häufig vor. Intrigen gibt es da
doch jede Menge.
Dirk Schmidt:
Was ist noch ein großer Wunsch oder Traum in
Ihrem Leben?
Dr. Roters:
Ich würde gerne einmal einen Wüstenmarathon
absolvieren. Ich persönlich laufe relativ gerne
in wärmeren Gefilden auch bei Hitze, wenn es
nicht gerade besonders schwül ist. Bei trockener
Hitze kann es mir gar nicht heiß genug sein.
Ich habe mal einen 15 Kilometer Lauf in Arizona
in einer Trockenwüste gemacht und würde gerne
einmal bei einem Lauf in Ägypten, Sinai, oder
in der Negev Wüste mitmachen.
Dirk Schmidt:
Und das tun Sie auch noch?
Dr. Roters:
Ja, das habe ich mir vorgenommen, wenn ich mal
etwas Muse habe, mich darauf vorzubereiten.
Dirk Schmidt:
Sie fahren mit dem Fahrstuhl, und der bleibt
stecken, wen hätten Sie gerne dabei?
Dr. Roters:
Das ist eine schöne Frage. Also da ich Frauen
verehre, gibt es andere Situationen wie diese.
Es könnte jemand sein, mit dem ich Erinnerungen
aus der sportlichen Vergangenheit austauschen
kann. Da würde die Zeit schnell umgehen.
Dirk Schmidt:
Denken Sie da an eine ganz bestimmte Person?
Dr. Roters:
Nein, jetzt ganz konkret nicht, aber mit jemandem,
mit dem man mal früher Leistungssport gemacht
hat und mit dem man Wettkämpfe bestritten hat.
Das wäre etwas, was ich mir vorstellen könnte.
Dirk Schmidt:
Ohne was können Sie nicht glücklich sein?
Dr. Roters:
Ohne das Dauerlaufen, im Augenblick auch noch
die Herausforderung des Berufes, das ist auch
ein Stückchen Motivation und Lebenszufriedenheit
und die Zuneigung der Familie.
Dirk Schmidt:
Wer ist der wichtigste Mensch in Ihrem Leben?
Dr. Roters:
Meine Frau und meine Kinder sind für
mich die wichtigsten Menschen in meinem Leben.
Vielen Dank für das Interview
|