Interview mit Dr. Ulrich
Strunz
vom 04. August 2004 Nürnberg/Roth
Dr. Ulrich Strunz lächelt. Das tut er den ganzen
Tag. Noch vor dem Zähne putzen fängt er damit
an und lächelnd läuft er jeden Tag. Lächelnd hat
er 19 Mal einen Ironman beendet: Fast 4 Kilometer
schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren - und dann
läuft Dr. Strunz noch lächelnd einen Marathon
von 42 Kilometer. Das alles in knapp zehn Stunden
am Stück. Dafür haben ihn die Medien zum Fitnesspapst
erkoren. Und weil er den Deutschen das Joggen
predigt. Er hält die Verjüngungsformel in Händen,
und er gibt sie bereitwillig weiter. Denn: " Ich
habe eine Aufgabe zu erfüllen." Glaubt man ihm,
ist nichts einfacher!
Dirk Schmidt:
Dr. Strunz, Lächeln ist Ihr Markenzeichen. Können
Sie auch ernst sein?
Dr. Strunz:
Ich trete ganz bewusst lächelnd auf, nehme aber
alles todernst. Die Weltgesundheitsorganisation
WHO hat die Fettsucht zur Killerkrankheit Nummer
1 ernannt. Fettsucht hat damit Infektionskrankheiten
wie Malaria, AIDS und Tuberkulose abgelöst. Fettsucht
bedeutet: Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, Herzinfarkt,
Schlaganfall, daran sterben wir. Ich habe einen
Eid geschworen: "Die Gesundheit zu erhalten und
wiederherzustellen".
Dirk Schmidt:
Warum betonen Sie das?
Dr. Strunz:
Weil wir Ärzte immer noch glauben, wir müssten
uns um Krankheiten kümmern. Wir warten auf die
Kranken und helfen ihnen unter Einsatz all unserer
Kräfte. Seit ich meinen Eid, mein Gelöbnis begriffen
habe, gehe ich raus und kümmere mich um Gesunde.
Ich habe gelernt, dass unsere Medizin auf dem
falschen Bein aufgebaut ist. Unsere Medizin ist
eine Drohmedizin. Wir drohen dem Menschen, wir
sagen: "Reiß Dich zusammen, sonst…." Den Erfolg
sieht man - Herzinfarkte, Schlafanfälle, Zuckerkrankheiten
nehmen zu.
Dirk Schmidt:
Was ist neu an Ihrem Konzept?
Dr. Strunz:
Ich spreche von Frohmedizin. Ich sage nicht: "Tu
das nicht, damit nicht….." Das hat noch nie genützt.
Wenn es Dir heute gut geht, verzichtest Du nicht
auf Dein Bier oder Schnaps, nur damit in 20 Jahren
irgendetwas nicht passiert. Deshalb schildere
ich den Leuten in leuchtenden Farben "Forever
Young" eine Vision, nie erreichbar - wie das Paradies
im Christentum. Ich schildere Ihnen, was an Schönem
auf sie zukommt, wenn sie diesen Ratschlägen folgen.
Auf diesem Wege verhindern die Leute ihre Krankheiten.
"Denn es gibt praktisch keine Krankheiten, die
man durch Bewegung nicht verhindern oder heilen
könnte." (Zitat Prof. Dr. Braumann). Die gesamte
Medizin - alles, was wir über den Menschen wissen,
ist über den sitzenden Menschen geschrieben und
von sitzenden Menschen erdacht worden; einseitig!
Schlaganfall, Diabetes kurz: unsere Zivilisationskrankheiten
gibt es weder beim Reh noch beim bewegten Menschen.
Dirk Schmidt:
Sie haben das Forever Young Erfolgsprogramm geschrieben.
Können Sie den Weg zum Erfolg schildern?
Dr. Strunz:
Das Erfolgsprogramm steht auf drei Säulen. Laufen
Sie sich jung: Täglich, am besten 10 Kilometer,
wie ein Kind. Langsam lächelnd, im Sauerstoffüberschuss.
Damit Sie 1000 Prozent mehr Sauerstoff in Ihren
Körper bekommen. Und 100 Prozent mehr in Ihr Gehirn.
Das verjüngt Körper und Geist. Die zweite Säule:
Essen Sie sich jung. Essen Sie wenigstens 50 Prozent
Leben, Obst und Gemüse in seiner rohen Form. Und
messen Sie die Frohwerte im Blut. Messen Sie Ihren
Eiweißgehalt im Blut und Ihre Vitalstoffe. Und
füllen Sie dann die leeren Tanks gezielt mit guten
Präparaten aus der Apotheke auf. Denn 80 Prozent
der Menschen leiden heute unter Vitalstoffmangel,
weil in unserem Essen nichts mehr drin steckt.
Die dritte Säule: Denken Sie sich jung. Stress
raubt uns Lebensjahre. Und es gibt ganz einfache
Entspannungstechniken, das Stresshormon Adrenalin
in die Wüste zu schicken. Zum Beispiel: "Schultern
fallen lassen und tief durchatmen."
Dirk Schmidt:
Das klingt fast zu simpel?
Dr. Strunz:
Ja sicher, aber machen Sie dies mal Herrn Meier
klar, 55 Jahre, Diabetiker. Da werden Sie sich
die Zähne ausbeißen. Es geht nicht auf dem Weg,
den wir gelernt haben. Aber es geht auf meinem
Weg. Ich bin ein Motivator. Und das schafft man
nur, wenn man authentisch ist, wenn man selbst
läuft und das wie ich als Glück erfahren habe.
Ich bin ein glücklicher Mensch seither, ich war
es vorher nicht. Was ich sage, weiß übrigens jeder
Arzt. Jedes Wort, das ich schreibe, ist bekanntes
medizinisches Wissen. Nur die anderen sagen es
nicht so. Weil, da sitzt eben der Herr Meier,
zuckerkrank, und fragt: "Was ist, laufen soll
ich?" Der dreht sich um und sucht sich einen neuen
Arzt. Deshalb habe ich den Kittel ausgezogen,
bin eine Stufe runter und rede mit den Leuten
auf ihrer Ebene, ich rede in einer eher kindlichen,
bildhaften Sprache, damit sie mir zuhören und
mache Scherze wie Harald Schmidt. Dafür werde
ich gescholten von ach so klugen Menschen, und
lasse mich von Journalisten durch den Kakao ziehen.
Aber die, die ich ansprechen will, die erreiche
ich.
Dirk Schmidt:
Gemessen an Ihrem grandiosen Erfolg wirken sie
ziemlich empfindlich gegen Kritik?
Dr. Strunz:
Ich bin äußerst empfindlich. Ich habe so ein Verständnis
von der Welt, ich nehme meine Mitmenschen und
seine Äußerungen ernst. Die anderen, die das nicht
tun, die sind mir über. Vielleicht ist das ja
auch mein Erfolgsgeheimnis. Wenn Sie ihre Mitmenschen
nicht ernst nehmen, wirklich zutiefst ernst nehmen,
werden Sie daran zu Grunde gehen.
Dirk Schmidt:
Ulrich Strunz hat viele Erscheinungsformen - den
Arzt, den Laufguru, den Entertainer, den Autor,
den Extremsportler... Wo findet man den wahren
Strunz?
Dr. Strunz:
Den finden Sie hier in der Praxis. Vor allem bin
ich Arzt und Forscher und nicht Laufguru oder
ähnlicher Quatsch. Ich will den Leuten beibringen:
"Ihr könnt Euch Operationen und Medikamente sparen,
Ihr müsst nur eine halbe Stunde am Tag laufen.
Sie dazu zu bringen, das macht eine Kunst aus.
Ich habe ein unerreichbares Vorbild, Thomas Wessinghage,
5000 Meter Europameister und Chefarzt. Der weiß
alles, der hat alles erfahren. Nur er kann sich
nicht so vor Massen stellen und sie begeistern.
Ich kann das zufällig. Ich habe Vorträge vor Kinderärzten
gehalten und sie gerügt. Wissen Sie, eine junge
Mutter weiß gar nichts über Medizin. Wenn in der
Nacht ihr Kind weint, steht sie Todesängste aus,
weil sie nicht weiß, ob es stirbt, oder ob die
Sache harmlos ist. Solches Grundwissen könnten
die Ärzte den Leuten aber durch Vorträge beibringen.
Diesen Unterlassungsfehler habe ich früher auch
begangen - ich habe Wissen nicht rechtzeitig und
volkstümlich weitergegeben. Wenn Sie es aber tun,
werden Sie in Deutschland gesteinigt, in Amerika
kriegen Sie dafür den Pulitzerpreis.
Dirk Schmidt:
Wie haben Sie Volkstümlichkeit gelernt?
Dr. Strunz:
Als praktischer Arzt. Sie müssen die Menschen
lieben. Ich fasse meine Patienten an, empfange
Sie an der Tür, fasse sie an der Schulter an,
oder umarme auch mal.
Dirk Schmidt:
Wie ist Ihr Tagesablauf?
Dr. Strunz:
Ich arbeite jeden Tag von sechs Uhr früh bis zwei
in der Praxis, danach mache ich Sport, schreibe
Bücher, fahre umher und halte Vorträge, an die
200 im Jahr.
Dirk Schmidt:
Für Ihre Familie bleibt da wohl wenig Zeit?
Dr. Strunz:
Oh doch, ich nehme mir jeden Tag mindestens eine
Stunde für Gespräche mit meiner Frau. Die heilt
mich von meinen Ängsten; die ist weiter als ich.
Meine Kinder sind Klassenbeste; so etwas ist für
mich ein Indikator. Sie sind gelassen und souverän;
das war ich früher nicht. Sie brauchen sich bloß
die Kinder anzugucken, dann wissen Sie Bescheid
über die Familie.
Dirk Schmidt:
Wenn ich Ihnen so zuhöre, glaubt man, dass Deutschland
nur ein Problem hat - nämlich, dass zu wenig Menschen
laufen?
Dr. Strunz:
Das stimmt! Es ging uns noch nie so gut, wir hatten
noch nie eine so lange Lebenserwartung. Trotzdem
jammern Millionen Deutsche jeden Tag - über ihr
Kreuz, über Kopfschmerzen. 42 Millionen sind zu
dick, die haben Bluthochdruck und Durchblutungsstörungen
und der Magen drückt. Ich sage: "Kinder, Ihr könnt
ein bisschen glücklicher leben. Du kannst morgens
leichter aus dem Bett, Du brauchst keine Migräne
zu haben, der Mensch muss nicht leiden.
Dirk Schmidt:
Wie oft sollte man laufen?
Dr. Strunz:
Sieben Mal die Woche für das Glück. Und fünf Mal
für ein längeres Leben.
Was bedeutet das?
Wenn Sie fünf mal die Woche 30 Minuten laufen,
setzen Sie 2000 Kalorien Bewegung um. Und das
ist gesund, und verlängert das Leben.
Worauf muss der Anfänger achten?
Um Fett zu verbrennen, muss jeder, ob Anfänger
oder Marathonläufer, mit einem sehr niedrigen
Puls laufen. Jeder muss individuell bestimmen,
bei welchem Pulsschlag er sich gerade noch wohl
fühlt. Das ist das richtige Tempo. Das merkt jeder
selbst, man muss es nur ausprobieren, am besten
morgen früh loslaufen. Für gesunde Menschen ist
es nicht notwendig, vorher einen Sportarzt zu
befragen.
Wie kann man nun seinen untrainierten Körper
in Schwung bringen?
Stellen Sie die Laufschuhe neben das Bett. Springen
Sie morgens hinein, ohne zu Duschen, oder die
Zähne zu putzen. Denn dann fallen Ihnen garantiert
14 Ausreden ein, warum Sie heute gerade mal nicht
laufen können. Laufen Sie einfach los. Langsam,
lächelnd, 30 Minuten lang. Das tun Sie vier Wochen.
Dann haben Sie einen Reflex. Wie Sie einen Frühstücksreflex
haben. Sie grübeln ja auch nicht lange herum,
bevor Sie sich hinsetzen und das Frühstücksei
köpfen. Sie frühstücken automatisch. Und genauso
ist das nach vier Wochen mit dem Laufen. Es gehört
dann, wie das Atmen zu Ihrem Leben.
Wie soll man denn den inneren Schweinehund
überwinden?
Man muss jeden Tag laufen. Denn das ist natürlich,
im Gegensatz zum Sitzen am Schreibtisch. Kleine
Kinder rennen permanent umher, bei ihnen gibt
es keinen Ausruhtag in der Woche, das müssen wir
uns zum Vorbild nehmen. Die Ausrede, man habe
zum Joggen keine Zeit gilt nicht. Das stimmt höchstens
in den ersten vier Wochen, danach hat man viel
mehr Zeit als andere, weil man schneller denkt
und sich nicht mehr müde durch den Tag schleppt.
Was ist das besondere am Joggen?
Wir laufen von Natur aus - aber schwimmen nicht
oder fahren nicht Rad. Beim joggen bewegen sich
70% der Muskeln, das spricht für diesen Sport.
Ab 15 Minuten pro Tag setzt die Fettverbrennung
ein, eine halbe Stunde täglich ist mindestens
anzustreben.
Sie sind ja selbst ein Spätberufener in Laufdingen?
Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Ich war
bereits 45, als ich den Extremsportler Hubert
Schwarz kennen lernte. Als absolute Flasche fing
ich mit dem Laufen an, ich hatte vorher nie Sport
getrieben. Nach drei Monaten Training beteiligte
ich mich an einem Triathlon und kam auf Platz
Drei meiner Altersklasse. Ich war völlig überrascht,
ich hatte vorher gedacht, danach ist man tot.
Dann habe ich in einem Jahr bei allen sechs großen
internationalen Triathlone mitgemacht und drei
mal gewonnen. Ich fragte mich: "Was machen eigentlich
die anderen auf dieser Welt?" Übertragen auf das
tägliche Leben: "Was macht Ihr eigentlich den
ganzen Tag? Ihr strengt euch an und verliert".
Ich habe erfahren wie´s geht: Streng Dich weniger
an und gewinne! Das gebe ich weiter.
Wie oft laufen Sie?
Jeden Tag ein bis anderthalb Stunden: Das ist
ein Glaubenssatz geworden. Laufen macht glücklich.
Ich will jeden Tag glücklich sein. Die Leute machen
den Fehler und fragen sich, wie sie das Laufen
in den Tag einbauen. Wenn man so denkt, hat man
verloren. So wie ich Zähne putze und zur Arbeit
gehe, laufe ich auch.
Welchen Effekt hat das Laufen auf Geist und
Körper?
Richtiges Laufen ist die Wunderpille, für die
der Mensch ein Vermögen zahlen würde, wenn es
sie in der Apotheke zu kaufen gäbe. Nichts rückt
dem Fett effektiver zu Leibe, nichts macht resistenter
gegen Stress, nichts hält jünger, macht zufriedener,
fröhlicher, gesünder, ja sogar klüger. All dies
ist wissenschaftlich nachgewiesen: Laufen sorgt
für ein powervolles Immunsystem, ein leistungsstarkes
Herz, junge, glatte Gefäße, es vertreibt mit körpereigenen
Glücksbotenstoffen, Endorphine und Serotonin,
Traurigkeit und Depressionen, Laufen stärkt das
Selbstbewusstsein und die Knochen, es vertreibt
Rückenschmerzen, strafft die Figur - und Laufen
lockt kreative Gedanken. Laufen heißt entspannen,
abschalten, Energie tanken für Körper und Geist.
Haben Sie Vorbilder?
Menschen wie Reinhold Messner oder den Urwald
Arzt Albert Schweitzer. Die haben nicht geschwätzt,
die sind rausgegangen. Auch eine Mutter Theresa
ist rausgegangen, sie wurde dafür bespuckt in
den deutschen Zeitungen. Sie mache nur auf religiös
und lasse die Leute sterben. Ich habe das alles
sehr genau gelesen. Im Klitzekleinen erleide ich
das auch. Ich bin nämlich nicht perfekt; ich bin
nicht abgebrüht.
Mit wem möchten Sie gerne einmal eine Stunde im
Fahrstuhl eingeklemmt sein?
Mit einem Zeit-, einem Focus- und einem Spiegel-Reporter
und den sechs Wissenschaftlern, die in " Fit For
Fun" mein Buch "Die Diät" zu kritisieren versucht
haben.
Ohne was können Sie nicht leben?
Ohne meine Frau, meine Kinder, meine Laufschuhe
und Obst.
Was wollten Sie schon immer einmal Gerhard
Schröder fragen?
Nicht, ob seine Haarfarbe echter ist als meine.
Sondern warum die staatliche Ernährungsaufklärung
immer noch auf dem Stand der 60-iger Jahre ist,
warum wir 40 Millionen Übergewichtige und 6,4
Millionen Diabetiker haben? Warum jedes fünfte
Kind krankhaft dick ist? Warum er nicht Joschka
Fischer zum Gesundheitsminister macht?